23 Tote und 122 Verletzte forderte das vierte schwere Zugunglück der Bundesbahn innerhalb von sechs Monaten. Am Mittwoch vergangener Woche fuhr um 13.19 Uhr der D 370 „Schweiz-Express“ von Basel nach Kopenhagen mit hoher Geschwindigkeit in eine enge Rechtskurve bei Rheinweiler in Südbaden. Die E-Lok vom Typ 103 zog 14 Wagen; sechs der acht entgleisenden Wagen stürzten eine fünf Meter hohe Böschung herab, zerstörten ein Einfamilienhaus, in dem ein Kind von den Trümmern erschlagen wurde, und rutschten noch weiter über eine Landstraße, die parallel zum Bahndamm verläuft. Zwei Wagen kippten auf das Nebengleis. Die Aufbauten der sechsachsigen Lok, der modernsten und schwersten der Bundesbahn, wurden völlig abgerissen.

Polizei, Technisches Hilfswerk, französische Soldaten und freiwillige Helfer müßten die zum Teil gräßlich verstümmelten Leichen und die Verletzten mit Schneidbrennern und Brechwerkzeugen aus den Trümmern befreien. Zweieinhalb Stunden später waren alle Verletzten in Krankenhäusern der Umgebung gebracht.

Nach Auswertung des Fahrtenschreibers, der erst Tage später unter der Lok ausgegraben wurde, war der 52jährige Lokführer Karl Mitsch aus Mannheim mit 140 Stundenkilometern in die Kurve eingefahren, die nur für 75 km/h zugelassen ist. Der Zug wurde durch die Querbeschleunigung regelrecht aus den Schienen gehoben.

Unfallursache scheint menschliches Versagen zu sein. Die Lok war noch im März, der Oberbau der Strecke wenige Tage vor dem Unglück überprüft worden. Mitsch, der bei dem Unglück getötet wurde, fuhr die Strecke seit 1958 fast jeden zweiten Tag und war im Frühjahr 1971 auf der neuen Lok eingewiesen und geprüft worden. Eine Obduktion wird klären, ob er einen Herzanfall oder Gehirnschlag erlitt. Nach Aussage eines streckenkundigen Speisewagen-Kellners war der Zug ohne Abbremsung in die Kurve gegangen.

Verkehrsminister Leber unterbrach seinen Urlaub in Österreich. Er kündigte Konsequenzen aus dem neuen Unglück an. In den kommenden Wochen sollen Strecken, Fahrpläne und Geschwindigkeitsvorschriften darauf geprüft werden, ob notfalls die Geschwindigkeiten zugunsten größerer Sicherheit herabgesetzt werden.

Rheinweiler war das fünfte schwere Unglück dieses Jahres. Am 9. Februar stürzte der TEE Bavaria bei Aitrang, ebenfalls infolge überhöhter Geschwindigkeit, aus einer Kurve. Es gab 28 Tote und 35 Verletzte. Bei Illertissen entgleiste am 18. Mai ein Schnellzug auf einem Schienenbruch. Die Opfer: sechs Tote, 27 Verletzte. Nur neun Tage später stießen auf einer eingleisigen Nebenstrecke bei Radevormwald ein Schienenbus und ein Güterzug frontal zusammen. Dabei kamen 45 Menschen (darunter 40 Schulkinder) ums Leben, 26 wurden verletzt. Am Mittwoch entgleiste der „Kärnten-Expreß“ bei Mecklar: 20 Verletzte.

Nach Aitrang bildete die Bundesbahn zwei Kommissionen, die sich mit allgemeinen Sicherheitsfragen und dem Problem befassen, wie die Dienstzeit der Lokführer eingeteilt werden soll. Die Gewerkschaft der Eisenbahner erhob in der Öffentlichkeit schwere Vorwürfe gegen die Dienstzeiten der Lokführer.