Von Marcel Reich-Ranicki

Gewiß, Wolfgang Hildesheimer ist einer der bedeutenden deutschen Schriftsteller seiner Generation. Aber ich kann nicht verheimlichen, daß mich jedes seiner Bücher zwar interessiert, doch zugleich auch enttäuscht. Er gehört, glaube ich, zu jenen nicht seltenen Künstlern – es sind übrigens die schlechtesten nicht –, deren Werk von der fortwährenden Diskrepanz zwischen ihren Möglichkeiten und ihren tatsächlichen Leistungen überschattet wird.

Die Vokabel "skurril" drängt sich auf und mit ihr die Frage, was sich denn hinter der Skurrilität verberge. Und diese Frage wird immer dringlicher, wenn man bedenkt, daß Hildesheimer ein vorzüglicher Stilist ist, dessen Deutsch mir in mancherlei Hinsicht vorbildlich scheint.

Aber vielleicht sind es gerade die sprachliche Virtuosität und die artistische Gewandtheit, die noch deutlicher spürbar werden lassen, daß die Arbeiten dieses überaus ernsten Schriftstellers – auch seine wichtigsten, die "Lieblosen Legenden" etwa und der Roman "Tynset" – von einem leisen und doch unverkennbaren Stich ins Kunstgewerbliche nie ganz frei sind.

Einen zwiespältigen Eindruck erweckt auch sein neues Buch –

Wolf gang Hildesheimer: "Zeiten in Cornwall", mit 6 Zeichnungen des Autors; Bibliothek Suhrkamp 281, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 110 S., 6,80 DM.

Es liefert weitere Beweise der Qualitäten Hildesheimers und läßt zugleich, stärker noch als seine früheren Versuche, die Schwierigkeiten und Hemmungen, gegen die er zu kämpfen hat, erkennen oder doch ahnen.