Vor einem Jahr starb Fritz Kortner, der große Theatermann, Schauspieler und Regisseur, der das Theater zweier Epochen – das der zwanziger Jahre und das nach 1945 – auf das nachhaltigste geprägt hat. In Kürze erscheinen im Kindler-Verlag autobiographische Aufzeichnungen unter dem Titel „Letzten Endes“, denen unsere beide Passagen als Vorabdruck entnommen sind.

Gespräch mit einem Ehemaligen

Seit meiner Rückkehr, während meiner monatelangen Aufenthalte in Berlin und dann in München, war ich auf der Suche nach einem Nazi, der bereit wäre, offen darüber zu sprechen, weswegen er einer war. Es war mir darum zu tun, Einblick in die Denkwege eines solchen Mannes zu gewinnen. Ich hätte zu gern erfahren, was ihn bewegt hatte oder gar noch bewegte.

Domin meinte, es lohne nicht der Mühe. Er bezweifelte auch, daß ein so gearteter Mensch sich einem solchen Gespräch aussetzenwürde. Zur Zeit, aber nur vorübergehend, meinte er, wären sie auch noch verschreckt, die Unbelehrbaren und die so unzureichend Belehrten.

Eines Tages konnte ich ihm berichten, ich wäre – einem begegnet. Zufällig, auf der Straße. Ich hatte ihn auf mich zukommen sehen, bevor er mich wahrgenommen hatte. Es war ein nicht sehr bekannter Schauspieler mittlerer Rollen. Sein Ruf als fanatischer Nazi jedoch war übers Meer bis nach Amerika zu uns Emigranten gedrungen. Ich hatte ihn aus Hamburg gekannt. Damals war er ein leidlich amüsanter Wirtshauskumpan. Sofort als ich seiner ansichtig wurde, beschloß ich, ihn festzunageln.

Obwohl unsere Augen einander schon begegnet waren und in ihnen das Erkennen aufblitzte, machte er noch einen unrealen und unreellen Versuch, so zu tun, als ob er mich nicht gesehen hätte. Aber er kannte meine Wißbegierde nicht, die ja bekanntlich unsereins zudringlich macht. Auf die Gefahr hin, wieder Material für diese Art von Beurteilung zu liefern, stellte ich mich ihm in den Weg.