Von J. Christoph Lutze

Im Jahr 1967 rechtfertigte Georg Leber sein Verkehrsprogramm für die Bundesbahn: „Mit diesen Maßnahmen wird es möglich sein, das Defizit der Bahn Jahr für Jahr abzubauen.“ Einige Zeit später schränkte der Minister ein: „Diese Maßnahmen sind die Voraussetzung für eine Sanierung der Bundesbahn.“

Diese Sanierung läßt 1971 noch immer auf sich. wagten. Inzwischen steigen die Defizite wieder kräftig, obwohl der Eigentümer Bund stärker in die Haftung genommen wurde. Und während 1967/68 der „St. Georg der Großen Koalition“ noch erfolgreich damit argumentierte, daß ohne. Umlenkungsmaßnahmen von der Straße auf die Schiene in wenigen Jahren zwangsläufig Defizite von jährlich zwei bis drei Milliarden Mark eintreten müßten, scheinen solche Aussichten heute keinen Politiker mehr aus der Lethargie aufzurütteln. Aufgerüttelt wurden sie von den vier. Eisenbahnunglücken seit Beginn dieses Jahres; sie fordern weitere Ausgaben für die Erhöhung der Sicherheit nach dem Motto: Lieber rote Zahlen, als Tote.

Die Entwicklung ist nach Ansicht der Nachdenklichen im Bahn vorstand und im Verkehrsministeum so alarmierender, als Lebers Maßnahzunächst Erfolg hatten: Von seinem Höchststand mit 1,504 Milliarden Mark 1967 sank das Defizit der Bahn bis 1969 auf 1,001 Milliarden.

Während sich das Haus Leber und die Bundesbahnführung bestätigt fühlten, hatten die Manner mit den „dicken Brummern“, die Werkverkehr treibende Wirtschaft und auch der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) eine andere Erklärung parat: „Das ist lediglich eine Auswirkung des Booms.“

Tatsächlich hat jedoch – wie 1970 offenbar wurde – die Bahn von dem konjunkturbedingten Zuwachs am Verkehrsaufkommen im Güterbereich keineswegs in dem erhofften Ausmaß profitiert. Trotz Begrenzung der Kapazität des Straßen Verkehrsgewerbes konnten sich die gewerblichen Fuhrleute und auch der Werkfernverkehr ein größeres Stück aus dem Kuchen herausschneiden als die Bahn.

Die Verkehrsexperten des DIHT waren immerhin objektiv genug zuzugeben, daß man kaum genau auseinandernehmen. könne-, was auf das Konto Boom und wieviel auf Konto Leber-Plan zu buchen sei. Auch Dr. Wolfgang Vaerst, Lebers Chef der Eisenbahnabteilung, den er noch während der parlamentarischen Kampfzeit um das verkehrspolitische Programm vom Bundesverband Werkverkehr – seinem schärfsten Gegner – abgeworben hatte, meinte: „Beides zusammen, das Verkehrsprogramm und der Boom, haben zu einer vollen Auslastung der Kapazitäten der Bahn geführt.“