Von Nina Grunenberff

Zum Preise der Hauptstädte des Islam sparen sich die Reiseveranstalter meist die Worte und versprechen einfach alle Wunder aus Worte sendundeiner Nacht“. Auf die Märchen der Scheherazade verläßt sich auch der Club Méditerranée, der sein jüngstes, in diesem Frühjahr eröffnetes Clubdorf in Marrakesch mit den Worten empfiehlt: „Tausend und eine Nacht den – verschleierte Gesichter, Kamele, Schlangenbeschwörer, Geschichtenerzähler, Wasserholer und alles, was Ihnen sonst noch einfällt, gibt’s hier, kaum gestört von westeuropäischer Zivilisation.“

Das ist die Diktion der „glücklichen Wilden“, die ihre sportlich gesellige Ferienphilosophie bisher nur bei Mutter Natur, am Wasser und in den Bergen verwirklichten. Marrakesch ist der erste Versuch des Club Méditerranée, ein Clubdorf in einer Stadt zu installieren: Marokko gilt als „in“ und Marrakesch, die Stadt am Fuße des Atlasgebirges, als „swinging and wild“. Möglich, daß die „gentil membres“ Marrakesch seit dem blutigen Putschversuch in Rabat nur noch „wild“ finden und sich noch seltener als bisher schon auf den Platz Djemaa-el-Fna, den „Platz der Geköpften“ wagen, um sich vor den Belästigungen der vor dem Tore wartenden Fremdenführer, Bettler und Händler in Sicherheit zu bringen. Denn die Einheimischen von Marrakesch machen das beste, was sie aus dieser Insel des Luxus in ihrem Meer der Armut machen können: Sie nehmen die Touristen aus.

Das Club-Hotel liegt, hinter dicken Mauern verschanzt, direkt in der Altstadt, kaum zweihundert Meter weit von der Koutoubia-Moschee entfernt. Mit seinen zahllosen Innenhöfen, Gäßchen, Stiegen und Laubengängen ist es der Architektur des Landes nachempfunden, ohne das die Annehmlichkeiten der westeuropäischen Zivilisation hier stören würden. Es gibt ein Schwimmbad, eine Boutique, einen Friseur, Festräume, eine Turnhalle, Sauna und eine Sonnenterrasse mit Turnhalle, auf den Platz Djemaa-el-Fna. Die Clubmitglieder nehmen dort den Lunch ein – garantiert französische Küche, Wein frei – und sehen aus gebührender Entfernung dem exotischen Treiben auf dem Marktplatz zu, von dem der Schriftsteller Eckart Kroneberg berichtete: Das Volk der Gaukler und Tänzer, der Musikanten und Taschenspieler, der Wahrsager und Sänger, der Ringer und Akrobaten – hier feiern sie ein nie endendes Fest, nicht für Könige und Präsidenten, nicht für Kulturausschüsse und Filmproduzenten, nicht für Folklorespezialisten und Touristen. Hier feiert das Volk von Marocko sich selbst, hier verlacht es sein Elend...“

Sozial besaitete Mitteleuropäer werden ihres Lebens in der „closed shop Atmosphäre“ des Clubs von Marrakesch nicht froh werden. Das Freizeitprogramm, das der Club außerhalb der Stadtmauern in einem Palmenhain anbietet – Reitstall, Tennisplätze, Schwimmbad, Restaurant und Hängematten, für den Mittagsschlaf – ändert kaum etwas daran, daß der Club eher eine Barriere als ein Entree für die Bekanntschaft mit der Stadt ist.

Das vorwiegend französische Publikum des Clubs bucht Marrakesch meist in Kombination mit einem Aufenthalt in einem anderen marockanischen Clubdorf, etwa in Tanger oder Agadir.

Mit Linienflug ab Hamburg kostet eine Woche Marrakesch 1378 Mark. Touropa, der deutsche Generalvertreter für den Club Méditerranée, übernimmt zur Zeit aber noch nicht den Transfer, da die Verbindungen nach Marrakesch über Casablanca noch nicht so weit verknüpft sind, daß die Reise in einem Tag zu schaffen ist.

Neben den sportlichen Aktivitäten bietet der Club von Marrakesch noch einen anderen Trost: Man kann ausbrechen, sich selbständig machen, ein Auto mieten, in das Land fahren oder über das Atlasgebirge, etwa nach Quarzazate, einem Militärstützpunkt am Rande der Sahara, der sich mit einem Hotel erster Klasse auch als Stützpunkt für Autoreisende eignet und bequem in einem halben Tag zu erreichen ist. Die Fahrt dahin führt über zwei Pässe und durch viele einsame Bergdörfer, die wie Vogelnester an die Berghänge gebaut sind, vorbei an Berberjungen, die am Straßenrand glitzernde Halbedelsteine zum Verkauf anbieten. Wenn schon, dann sind nur so die abenteuerlichen Wunder aus „Tausendundeiner Nacht“ zu erleben, deren Kehrseite doch nichts anderes sind als die Armuts- und Entwicklungsprobleme der Dritten Welt.