Bonn

Eugen Gerstenmaier war noch Präsident des Deutschen Bundestags, als er mit schwäbischer Sparsamkeit entschied, die bundestagseigenen Taxis sollten künftig keine nächtlichen Besucher der indischen Botschaft mehr heimwärts chauffieren. Die Vielzahl solcher Fahrten Bonner Abgeordneten waren dem Präsidenten nämlich nicht recht geheuer gewesen.

Sie waren es in der Tat nicht. Denn die Abgeordneten hatten keineswegs in der Botschaft gezecht, sondern eine Hausnummer weiter: in der Bonner Politpinte „Rheinlust“.

Aber nun scheint selbst das Zechen nicht mehr möglich zu sein. Denn der „Rheinlust“-Pächter machte seinen Laden zu. Er verließ mit Weib Bonn mit unbekanntem Ziel. Zurück blieben durstige Abgeordnete und eine stattliche Gläubigerschar. Die Lage, fünf Minuten vom Bonner Bundeshaus, war gut. Auch das Publikum: Gustav Heinemann verkehrte dort einst und spielte Skat, bedauerte dann, als Präsident nicht mehr „wie früher in die ‚Rheinlust‘ gehen“ zu können. Helmut Schmidt zählte gleichfalls zur Stammkundschaft, der verstorbene Ernst Lemmer hockte manche Nacht dort am Skattisch. Selbst Berlins OB Klaus Schütz wechselte vom vornehmen Godesberger Weinlokal „Maternus“ in die „Rheinlust“ über. Einen Ehrenplatz aber hatte Egon Franke, innerdeutscher Minister. Die „Rheinlust“ war nämlich zugleich auch Treffpunkt der „Kanalarbeiter-Riege“, deren Boß der Hannoveraner ist.

Das Bierquartier hatte auch noch andere Vorzüge. Hier ließen sich unvergänglich verfängliche Kabinettsinternas von Ohr zu Ohr flüstern.

Und darauf soll Bonn nun verzichten müssen? Nein. Schon bald wird wiedereröffnet, heißt es, sogar mit Freibier für „alle erreichbaren Politiker“. Ein neuer Wirt soll hinter dem Tresen stehen, und Karl Herold hatte Grund zum Strahlen: „Wir werden nach den Ferien bestimmt wieder wie in alten Tagen eine kühle Molle zu uns nehmen können.“

Auch wird man wieder mauscheln können, zu später Stunde endlich politisch wirken dürfen in dem an Kneipen armen Bonn. Eines freilich könnte, künftig den alten Stammkunden den „Rheinlust“-Abend noch vergällen. Stellt sich nämlich heraus, daß der mit unbekanntem Ziel verreiste Kneipenwirt statt weiter Bier zu zapfen sich gar selbst anzapfen ließ, womöglich noch von Ostberlin, dann wird das „Rheinlust“-Bier vermutlich schal. Für diesen Fall bleibt nur ein Trost: 1974 muß die Kneipe ohnedies dem Verkehr weichen. Denn den Straßenbauern sind selbst Kanalarbeiter nicht gewachsen. W. H.