Von Kai Krüger

Rheinweiler

Dies nur zur Erklärung dafür, daß ich erst nach Herrn Ministerpräsident Filbinger und Herrn Justizminister Schieler hier eintreffen konnte“, sagte Holger Börner, Parlamentarischer Staatssekretär des Bundesverkehrsministers Leber. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Die Luft im Wohnzimmer des Rheinweiler Postmeisters war drückend. Ein halbes Dutzend Journalisten saß um den Tisch in der guten Stube herum, Ministerial- und Bundesbahnbeamte füllten den Raum. Der Staatssekretär gab eine Pressekonferenz vor Ort.

Detailliert hatte er geschildert, warum er erst mit Verspätung aufgebrochen sei – „die Zahl der Opfer wurde erst viel später bekannt“ –, und wie ihn nur der allzeit bereite Grenzschutz noch vor Einbruch der Dunkelheit habe herschaffen können: „Sie wissen ja, mit dem Hubschrauber dauert es eine Zeit, immerhin zweieinhalb Stunden, bis man von Bonn hier ist.“ Man wußte es nicht, aber nahm es zur Kenntnis und dachte an die Waggons, die draußen neben dem Bahnkörper lagen. Zwei hingen am Hang über Mulden. Man konnte, wenn man sich bückte, unter ihnen hindurchgehen. Ein dritter Waggon lag vor ihnen. Er war aufrecht geblieben, aber sein vorderes Drittel war rechtwinklig abgeknickt, und im Knick war er nur noch etwas mehr als einen halben Meter breit. Er lag auf der Fundamentecke eines Einfamilienhauses. Das Haus selbst war nicht mehr da. Es war offensichtlich in sich zusammengefallen, als der Waggon gegen seine Seite prallte und sich um seine linke, hintere Ecke wickelte.

Die anderen Waggons konnte man von hier aus nicht sehen. Sie waren den Weinhang weiter hinabgeschossen, über die asphaltierte Straße hinüber und noch weiter hinab, etwa zwanzig Meter tief, alles in allem. Dort unten stand noch eine Häusergruppe, und das erste von ihnen, im Rohbau fertig, hatte ebenfalls einen Waggon aufgefangen. Die Elektro-Lok, eine von den ganz neuen, starken, lag kopfüber an der Seitenwand des zweiten Hauses am Bahnhang.

Die Frau, der das dritte Haus am Bannberg gehörte, stand verstört in einem Durchbruch der Hecke, die ihren Garten von der Lok trennte Ich fragte sie, wie es sich angehört habe, als der Zug den Hang hinabkam: „Ja, mein Gott, ick habe gedacht, der Herrgott kommt herab, oder eine Bombe ist explodiert!“ Und dann sei Staub und Erde durch die Luft geflogen, und dann sei Stille gewesen. Totenstille. Und dann habe sie plötzlich Leute hin- und herrennen hören. Von den Schreien, die in den Waggons einsetzten, sagte sie nichts.

Filmer und Photographen liefen zwischen den Waggons einher und machten Aufnahmen zur Spurensicherung. Feuerwehrleute, Polizisten, Männer vom Technischen Hilfswerk, Bundesbahnarbeiter, Sanitäter, Schwestern und blutjunge französische Soldaten bevölkerten die Szene. Kräne, fahrbare, waren schon da, und Flutlichter wurden aufgestellt und angeschlossen Oben auf dem Bahndamm arbeiteten Gleisbaukolonnen und Werkstattarbeiter mit Hacken, Forken, Schaufeln und Schweißbrennern.