Von den 1,2 Millionen Kindern unter zehn Jahren, die mit dem ostpakistanischen Flüchtlingsstrom in die indische Provinz Westbengalen gelangt sind, ist die Hälfte unterernährt. Die indischen Gesundheitsbehörden schätzen, daß etwa 300 000 von ihnen zum Tode verdammt sind.

Ähnlich, düstere Prognosen brachte der Präsident der Hilfsorganisation Terre des hommes mit, als er in der vorigen Woche aus Pakistan zurückkam. Er schätzt, daß die Zahl der Flüchtlinge, die nach Indien eingeströmt sind, von derzeit 7 auf voraussichtlich 12 Millionen anschwellen wird. Selbst wenn sämtliche Hilfsorganisationen ihr Äußerstes leisten, werden, so meint er, bis zum Ende der Regenzeit im September etwa zwei Millionen Menschen sterben, weil sie ohne Dach über dem Kopf, ohne ausreichende Kleidung, krank und Hunger leidend dem Monsun preisgegeben sind.

Es scheint einfach unfaßlich, daß solche Zahlen von Mund zu Mund gehen können, ohne daß den Führenden und Verantwortlichen dieser Welt das Blut in den Adern stockt. Millionen sterben, siechen dahin, nicht weil eine Naturkatastrophe stärker war als Menschenkraft, sondern weil eine Regierung das Selbstbestimmungsrecht ihrer Bürger mit Füßen tritt und in eitler Hoffart glaubt, ihr besitzwütiges Hoheitsrecht sei wichtiger als das auf demokratische Weise ermittelte Autonomiestreben ihrer Untertanen.

Der große Krieg findet nicht statt – gewiß, das ist ein Fortschritt; aber offenbar kann niemand daran gehindert werden, seine eigenen Untertanen entweder umzubringen – Nigeria die Biafraner, Westpakistan die Ostpakistaner–oder sie mit Hilfe der Breschnjew-Doktrin zu versklaven. Die UN – die family of nations – verdient diesen Namen kaum, wenn sie sich mit dem Argument „Einmischung in innere Angelegenheiten ist nicht gestattet“ beruhigt. Zwischen Einmischung und Mitschuldigwerden gibt es viele Nuancen. Dff.