Rote Gefahr für Moskau

Von Andreas Kohlschütter

Einem französischen Besucher erzählte Tschou En-lai kürzlich die Geschichte von den mongolischen Pferden, die nicht dem Hirten, sondern ihrem Leittier gehorchen und diesem überallhin folgen. Um seine Herde zu zügeln und nicht aus den Augen zu verlieren, müsse der Hirte darum zuerst das Leitpferd mit dem Lasso einfangen. "Wie diese mongolischen Pferdehüter", so fuhr Tschou En-lai fort, "versucht die Sowjetunion jetzt verzweifelt, uns Chinesen einen Strick anzulegen, weil sie konsterniert feststellt, daß eine wachsende Zahl von sozialistischen und anderen Ländern sich hinter China schart. Aber diese sowjetischen Bemühungen sind umsonst – das chinesische Pferd läuft weiter ..."

Mit diesem Gleichnis hat der chinesische Ministerpräsident das Dilemma Moskaus angesprochen, das nicht neu ist, das sich aber durch die sensationelle Ankündigung der China-Reise Präsident Nixons deutlich zugespitzt hat: China betritt die internationale Arena nicht "nur" als dritte Weltmacht, sondern vor allem auch als zweite kommunistische Weltmacht. Die Kreml-Führer werden sich von nun an gerade auch in ihrer eifersüchtig abgeschirmten und von ihnen bevormundeten kommunistischen Welt vermehrt und unter unerwartetem Zeitdruck mit der chinesischen Konkurrenz auseinandersetzen müssen.

Die jüngste Entwicklung auf dem Balkan zeigt, wie schnell es der chinesischen Diplomatie gelungen ist, im unmittelbaren Interessen- und Machtbereich Moskaus Fuß zu fassen und ihren Einfluß zu aktivieren. Peking hat hier geschickt das Anlehnungsbedürfnis der drei verunsicherten kommunistischen Außenseiter in Osteuropa, Jugoslawien, Rumänien und Albanien, ausgenutzt.

Von Peking im Zeichen des Unabhängigkeitskampfes der kleinen und mittleren Staaten empfangen, holten sich jugoslawische und rumänische Repräsentanten neuen Mumm für ihre "eigenen Wege". Kein Wunder, daß in Belgrad und Bukarest die geplante Reise Nixons nach China mit großer Genugtuung und als Beitrag für die internationale Entspannung kommentiert wurde.

Die moskauhörige Bewertung der Nixon-Tour in Sofia, Prag, Warschau und Budapest war vorauszusehen. Mit unterschiedlicher Schärfe haben die Parteiorgane dieser blocktreuen Staaten die "antisowjetische" und "antikommunistische" Plattform der chinesisch-amerikanischen Annäherung hervorgehoben. Unter dem Mantel des Satellitenkonformismus zeigten sich aber auch Spuren der alten osteuropäischen Hoffnungen, die neue Dynamik im internationalen Kräftespiel möge zu einer Abschwächung der sowjetischen Hegemonie und einer Stärkung der nationalkommunistischen Emanzipation führen.

Dieses klang in einem Leitartikel des Warschauer Kurier Polskie zu Nixons Peking-Besuch an – es hieß dort: "Man kann wohl kaum sagen, daß die Aussichten auf eine Normalisierung der Beziehungen zwischen zwei so großen und wichtigen Mächten der Welt etwas Ungünstiges sind." Derselbe unterschwellige Optimismus tönte auch aus der ersten und anscheinend noch nicht gleichgeschalteten Kommentierung der ungarischen Magyar Nemzet. Hier wurde die Kehrtwende zwischen Peking und Washington als Sieg der friedlichen Koexistenz gepriesen.

Rote Gefahr für Moskau

Pekings Politik der Querschläge gegen die Hegemonie der "sowjetischen Zaren" über die kommunistische Welt reicht bis in die fünfziger Jahre zurück. Damals schon – allerdings mit dem Lippenbekenntnis zur sowjetischen Führungsrolle und unter dem Vorzeichen eines militanten Dogmatismus – nahmen sich die Chinesen der osteuropäischen Autonomiebestrebungen an, die sich nach Stalins Tod neu zu regen begannen. Was Mao aus ureigenem chinesischem Interesse anstrebte, war eine sozialistische Staatengemeinschaft, in der die Souveränität der einzelnen Länder und die Unabhängigkeit der einzelnen kommunistischen Parteien im größtmöglichen Umfang respektiert würden.

Unter chinesischem Druck bequemten sich die Sowjets nach 1954 zur allmählichen Auflösung der sogenannten "gemischten Gesellschaften", mit denen sie die Satellitenstaaten wirtschaftlich ausgehungert hatten. Nach dem polnischen Oktober 1956 stärkte Peking Gomulka den Rücken und ermutigte später Warschau und Ostberlin, gegenüber dem weicher werdenden Chruschtschow eine härtere Deutschland-Politik zu vertreten. Peking ermöglichte 1960 den ideologischen Alleingang Albaniens und kurz darauf das wirtschaftliche und außenpolitische Ausscheren Rumäniens aus dem Kreml-Lager. Nach dem offenen Ausbruch des Konflikts mit Moskau hielten die chinesischen Propagandisten die Erinnerung an die sowjetische Annexionspolitik im Baltikum, in Bessarabien und im Osten Polens wach. Den sowjetischen Einmarsch in die ČSSR im August 1968 nannte Tschou En-lai einen mit Hitlers Angriffen vergleichbaren imperialistischen und faschistischen Aggressionsakt der Moskauer Führung.

Solche chinesischen Enthüllungen, die vor aller Welt, ganz besonders auch vor der kommunistischen, die Skrupellosigkeit sowjetischen Machtstrebens immer wieder bloßstellten, bereiteten Moskau schon in den sechziger Jahren ganz erhebliche ideologische Rechtfertigungs- und Verdauungsschwierigkeiten. Die jüngste Entwicklung macht den "Peking-Bazillus" im kommunistischen Lager aber noch virulenter als bisher.

In der dreipoligen Weltpolitik, wie sie sich durch die Annäherung zwischen Peking und Washington abzuzeichnen beginnt, kann Moskau die Möglichkeit einer amerikanisch-chinesischen Interessenkoalition nicht mehr ausschließen. Dadurch erhöht sich aber auch das realpolitische Störpotential Pekings gegen sowjetische Machtanmaßungen und Interventionsgelüste im kommunistischen Herrschaftsbereich. Die Frage ist heute so sinnlos nicht: Hätte ein Peking-Besuch des US-Präsidenten anfang 1968 den Prager Frühling vor dem Untergang bewahren können?

Von großer Tragweite ist auch die kürzlich vollzogene Normalisierung zwischen Peking und der "revisionistischen" Belgrader Führung. Peking scheint seinen neuen außenpolitischen Pragmatismus auch auf die kommunistische Staatenwelt ausweiten zu wollen. Dabei steht für die Chinesen nicht mehr die einst geforderte stalinistische Dogmentreue im Vordergrund, sondern der Aufbau einer von Moskau verselbständigten "Zwischenzone", die zugleich den Souveränitätswünschen der kleinen und mittleren Ostblockländer entgegenkommt. An Stelle des zum Machtinstrument des Kreml pervertierten "proletarischen Internationalismus" bietet ihnen Mao die völkerrechtlich präziseren Garantien der "friedlichen Koexistenz" an.

Den Sowjets steht eine weitere Konfrontationsrunde mit den chinesischen Widersachern bevor, in die Peking, gestärkt durch neues weltpolitisches Gewicht und neue weltkommunistische Attraktivität, einsteigen kann. Denn auf die Gretchenfrage nach einem Umbau des Sowjetimperiums und einer Modernisierung der sowjetischen Herrschaftsmethoden in Osteuropa, weiß die im Konservativismus erstarrte Breschnjew-Equipe noch immer keine Antwort. Gleichzeitig engt sich aber auch ihr Raum für Ausflüchte zusehends ein. Denn für die machtvoll angetretenen Chinesen scheint das sowjetische Lasso nicht mehr auszureichen, mit dem noch vor drei Jahren die ohnmächtigen Prager Infragestellen zu Fall gebracht werden konnten.