Von Wolfram Siebeck

Pünktlich zur Sommerszeit rauschen die Wellen des zuständigen Sees und die Blätter der Weltpresse: Das Ungeheuer von Loch Ness ist wieder aufgetaucht. Weniger rauschend, aber von allen wachsamen Zeitungen registriert, erhebt ein anderes Fabelwesen sein gepflegtes Haupt: der Herr.

Leicht tailliert, mit langgezogenen Revers, das Jackett auf einem Knopf geschlossen, in den Modefarben Karamel bis Maikäfer – so wurde er jetzt in Paris auf einem Laufsteg gesehen. Augenzeugen berichten übereinstimmend, der Herr habe zum Abend ein langes, weiß gefüttertes, schwarzes Breitschwanz-Cape getragen, das am Hals mit einer Silberschnalle geschlossen war. Es wurden auch Photos veröffentlicht, doch auf diesen entsprach nur die Silhouette der Beschreibung (schlank und jugendlich); weder war der sagenhafte Halbgürtel hinten zu sehen noch die leicht ausgestellte Hose zu erkennen. Dann tauchte der Herr wie jedes Jahr nur wenige Tage nach der Meldung aus Paris auf einem römischen Laufsteg auf, und dort trug er den berühmten Smoking. In diesem Aufzug zeigt er sich am häufigsten; und es gibt Experten, die auf Grund jahrelanger Beschäftigung mit den Erscheinungen des Herrn zu dem Ergebnis gekommen sind, der Herr sei nur im Smoking echt. Tatsächlich kann ich mich selbst erinnern, ihn vor vielen Jahren in dieser Aufmachung gesehen zu haben; damals weilte er bekanntlich ganzjährig unter uns, und die Zahl der Anekdoten, die sich um ihn ranken, ist Legion. Einmal soll er zum schwarzen Smoking einen weißen, seidenen Rollkragenpulli getragen haben, ein andermal versteckte er den traditionellen Querbinder unter den Kragenecken seines Hemdes.

Die Menschen, die dieses Anblicks teilhaftig wurden – und es gibt keinen Grund, an der Echtheit ihrer Wahrnehmungen zu zweifeln –, sprechen noch heute mit großer Bewegung von ihren Begegnungen mit dem Herrn.

Mein Zusammentreffen mit ihm war dagegen ziemlich prosaisch. Ich hatte mich gerade zu einem bescheidenen Mittagsmahl niedergelassen, als er plötzlich neben mir stand. Er legte die Hände zusammen, beugte sich etwas zu mir herunter und sprach: „Ist alles in Ordnung, der Herr.“ Wenige Sekunden nach dieser merkwürdigen Vorstellung war er auch schon wieder verschwunden. Ich war so verwirrt, daß ich beim Bezahlen ein viel zu hohes Trinkgeld gab. Heute bin ich fast der Meinung, ich sei damals das Opfer einer Halluzination geworden.

Der jetzt an meinen Tisch kommt, hat nur entfernte Ähnlichkeit mit der Erscheinung des Herrn, wie sie uns aus Rom beschrieben wird. Weder ist sein Smoking aus Satin, noch trägt er dazu ein Rüschenhemd. Nur die Worte, die er an mich richtet, klingen ein wenig nach der Piazza Navona: „Eimall Spaghetti, bite särr.“

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