Von K. II. Kramberg

Unbekümmert um die kritischen Expertisen einer gesellschaftlich orientierten Literaturwissenschaft, welche dem Romanschriftsteller heute und morgen kaum eine Chance mehr geben, hat der 1922 geborene Schwede Per Olof Sundman mit einer vergleichsweise schmalen Produktion epischer Prosa den Nachweis erbracht, daß es immer noch „geht“. Sein Groß-Feature „Ingenieur Andrés Luftfahrt“ (1967) kreierte sogar eine eigene Spezies: den technologisch, historisch und psychologisch determinierten Abenteuerroman – eine Gattung, die diesen Autor scheinbar voraussetzungslos in eine elitäre Gruppe von Erfindern einreiht, deren Verdienste man postum nach den Erfolgen ihrer Schüler zu bemessen pflegt. Es handelte sich da um eines jener famosen Elaborate, von denen man fast sicher sein kann, daß sie (schwächere) Nachahmer zeugen.

Sundmans Genie – diese ominöse Vokabel hier durchaus im Sinn von „Ingenieur“ zu gebrauchen – offenbart sich weder in der Wahl seiner Themen noch in seinem wortkargen Stil, sondern in der funktionellen Methode. Patentwürdig ist sein Verfahren, die Art und Weise, wie er Stoffe „manipuliert“.

Dieses Verfahren wird für den Leser, wenn er sich anstrengt, bei weitem leichter durchschaubar, wo Sundman sein Unvermögen als Narrator durchschimmern läßt. So in dem schmalgleisigen Kurzroman „Zwei Tage – zwei Nächte“ und so in dem farbiger instrumentierten, aber genauso handlungsarmen Text, der – 1958 in Stockholm erschienen – uns erst jetzt als deutsche Buchausgabe erreicht–

Per Olof Sundman: „Die Untersuchung“, Roman, aus dem Schwedischen von Udo Birckholz; Benziger Verlag, Köln; 260 S., 19,80 DM.

Die Fabel dieses Romans, so mager sie wirkt, erwartet vom Leser freilich eine wenigstens oberflächliche Kenntnis skandinavischer Sitten, Vorurteile und Umgangsweisen, zumal im Hinblick auf die prohibitorische Alkoholpolitik dieser Länder. Das Thema Eins nordgermanischer und finnischer Männergespräche ist ja. auch heute noch der Alkohol. Anekdotisches über den Umgang mit scharfem Getränk hat in diesen Zirkeln das Gewicht unserer südlichen Zote. Als bekannt vorausgesetzt wird auch die von Ressentiment geprägte Affektiertheit, mit der man als Bewohner des unterentwickelten Berglands oder der volkarmen Polarregionen seinen Mitbürgern aus den reicheren Südbezirken begegnet.

Diese geographischen und soziologischen Sonderheiten, die für den Schweden Sundman wohl gar nichts Besonderes sind, spielen in seinem Buch eine zwar kaum übersehbare Rolle, aber der deutsche Leser wäre sicher im Irrtum, wollte er daraus die Vermutung herleiten, das Motiv der Niederschrift sei für den Autor ein zeit- oder milieukritisches gewesen. Es handelt sich für den Autor und für den Leser bei dieser „Untersuchung“ geradezu darum, die Unsinnigkeit der zur Sprache gebrachten Aktion als solche kennenzulernen, den Unfug als Unfug, den Irrtum als Irrtum, die Vermutung als Vermutung, die Ausflucht als Ausflucht zu denunzieren.