Von Dieter Buhl

Der Streit in der Labour-Party über den britischen EWG-Beitritt ist für den Außenstehenden verwirrend; parteipolitisches Kalkül und insulare Voreingenommenheit bilden gemeinsam mit der verständlichen Sorge um die Preis- und Wirtschaftsentwicklung ein kaum durchschaubares Politgespinst. Auffallend ist jedoch die Tatsache, daß in der Diskussion auch die Deutschen eine Rolle spielen. Sie wird ihnen von Pro- wie Anti-Marketeers zugewiesen, und sie ist nur marginal. Aber diese Nebenrolle ist, zumindest von den Beitrittsgegnern, negativ genug angelegt, um hierzulande Verwunderung auszulösen.

Was soll man zu der Unterstellung des Gewerkschaftsführers und einflußreichen Labour-Politikers, Jack Jones, sagen, die Deutschen wollten im Rahmen der EWG „eine stille Invasion“ Großbritanniens einleiten, die ihnen im Kriege nicht gelungen sei? Welchen Zweck soll die Warnung aus dem linken Labour-Flügel haben, „daß unsere Leute zu Krupp und Thyssen abwandern und für deren Portemonnaie, arbeiten“? Wie ist es zu verstehen, daß britische Sozialisten (Wilson eingeschlossen) ausgerechnet während der Regierungszeit von Sozialdemokraten in Bonn die Drohung eines deutschen Fingers am atomaren Drücker an die Wand malen, nur um die Stimmung gegen die EWG anzuheizen?

Von der auch bei uns so bewunderten britischen Fairness kann angesichts solcher Argumente keine Rede sein. Auch die Gepflogenheit, innenpolitische Ziele nicht mit Hilfe von Verunglimpfungen eines Verbündeten anzustreben, scheint bei einigen Labour-Mitgliedern in Vergessenheit geraten, von der vielgelobten sozialistischen Solidarität ganz zu schweigen. Mag es noch hingehen, daß der linke Labour-Flügel mit der Behauptung gegen den Beitritt wirbt, die SPD sei keine sozialistische Partei mehr – ähnliche Vorwürfe werden der Partei ja auch in der Bundesrepublik gemacht –, so ist es unverschämt, den Sozialdemokraten imperialistische Bestrebungen innerhalb der EWG zu unterstellen. Völlig abstrus ist es schließlich, unter Hinweis auf die angebliche Brüchigkeit der Brandt-Regierung die gefährlichste Entwicklung in der Bundesrepublik und einen dritten Weltkrieg vorherzusagen.

Solche Prognosen und Beschuldigungen sind derzeit in den Reden von Labour-Politikern zu hören – auf dem außerordentlichen Kongreß der Partei, im Unterhaus und in den Wahlkreisen. Doch das teutonische Schreckgespenst aus dem Gruselkabinett der Vergangenheit muß nicht nur als Argument gegen, sondern auch für den EWG-Beitritt herhalten. So warb der Labour-Abgeordnete Bottomley für ein britisches Engagement in Europa, weil sonst die Deutschen zu mächtig würden und womöglich Streit mit der DDR anfangen könnten. Verglichen mit diesen Holzhammermethoden wirkt der stellvertretende Labour-Vorsitzende und Pro-Europäer Roy Jenkins überzeugend, wenn er für den Beitritt plädiert, weil damit die Bundesrepublik noch fester in den demokratischen Westen integriert werde. Aber selbst ein so gemäßigter Labour-Politiker wie Jenkins wird noch beschämt von seinem konservativen Gegenspieler Edward Heath. Denn es ist vor allem der britische Premier, der den Sozialdemokraten Willy Brandt als einen der Garanten für ein zukunftsträchtiges Europa herausstellt. Ja, Heath ist im Ringen um den Beitritt sogar so weit gegangen, die mit Pompidou in Paris beschlossene politische Abstinenz der EWG in Frage zu stellen und für das Konzept Brandts von einer baldigen „gemeinsamen Außenpolitik der Gemeinschaft“ plädieren.

Wie kleinlich wirken dagegen die Argumente Wilsons und der Labour-Linken. Zwar ist zu verstehen, daß es in Großbritannien, auch ein Vierteljahrhundert nach Kriegsende, noch antideutsche Ressentiments gibt. Coventry und der „Londoner Blitz“ waren so rasch nicht zu vergessen. Aber ein Deutschlandbild der EWG-Gegner, das nicht nur von den Greueltaten des Hitler-Regimes, sondern offenbar auch noch von den Großspurigkeiten Kaiser Wilhelms beeinflußt ist, und das die deutsche Gegenwart völlig unberücksichtigt läßt, überanstrengt doch ein wenig das Verständnis. Mit solchen Schattenbeschwörungen werden Emotionen wieder freigelegt, die das deutsch-englische Verhältnis lange genug belastet haben.