Eine Anfrage, vorgebracht von einem deutschen Demonstranten gegen den Vietnam-Krieg

Von Gerhard Zwerenz

"Etwas ist in unserem Lande fehlgegangen, und es ist nicht nur der Krieg in Vietnam. Der Krieg ist die übelste Frucht dessen, was in unserem Land fehlgegangen ist, aber er ist nicht das einzige, was falsch ist... Solange wir nicht damit anfangen darüber nachzudenken... so lange werden wir auch nicht fähig sein, viel, gegen die falschen Dinge zu unternehmen, die unser Land tut."

TomWicker, "Times"-Redakteur, am 22.Februar 1971 in der Harvard-Universität bei einem Teach-in gegen den Vietnam-Krieg.

Wer im vergangenen Jahrzehnt auch nur ein einziges Mal an einem Ostermarsch oder einer Protest-Versammlung gegen den Vietnamkrieg teilgenommen hat, der soll sich erinnern. Wir haben keinen Anlaß zum Triumph, nichts steht uns ferner als emotionale Rechthaberei. Doch wir erinnern uns, wie es war, als die bürgerliche Presse ihren wohlfeilen Hohn uns überkübelte. Fertiggemacht haben sie uns, als hätte es nie in diesem Lande die Niederlage des Faschismus gegeben. Sie nahmen die Partei des amerikanischen Krieges, wie sie es gelernt hatten, treu, deutsch und faschistisch. Wer dem Krieg widersprach, wurde zum Feind erklärt.

Wie haben sie uns belächelt, mit Spott überhäuft und mit der Polizei schikaniert. Von Strauß bis Grass kam der Hohn tonnenweise. Wir waren die wohlfeilen Protestler, die unterwanderten Pazifisten; der Staat und seine angestellten Stall-Wächter hatten alle. Hände voll zu tun, uns niederzuhalten und den weißen US-Aggressionismus weltweit zu unterstützen. Als Wolfgang Neuss in Westberlin protestierte, – drohten sie ihm wie uns allen. Wir wollten Frieden für Vietnam, sie wollten Krieg in Vietnam, denn sie vertrauten darauf, daß sich weder Stalingrad noch Nürnberg wiederholten. Hatten sie sich nicht zuletzt deshalb auf die Seite des Stärkeren geschlagen? Amerika würde keinen Krieg Verlieren.

Man hatte aber die Rechnung ohne den Vietkong gemacht. Ohne dieses kleine, mutige, bewundernswerte Volk der Vietnamesen. Man hatte auch die Zähigkeit der demokratischen Kräfte in Amerika unberücksichtigt gelassen und vom Massenopportunismus der Deutschen auf den der Amerikaner geschlossen. Das war eine Fehlrechnung gewesen. Man war dutzendfach in die USA geflogen, hatte mit Wirtschaftskapitänen, Generalen und Politikern diniert. Nun fällt man aus allen Lufthansa-Wolken. Amerika ist anders. In Amerika ist, möglicherweise – wir müssen vorsichtig sein mit Prognosen – die humanisierende Vernunft regenerationsfähig.