Der McNamara-Report – mehr gefragt als Segals Love Story

Von Karl-Heinz Janßen

Die Veröffentlichung von Geheimdokumenten hat offenbar Anklang gefunden. Der Ruhm der New York Times ließ die National Review nicht ruhen: Die konservative New Yorker Zeitschrift teilte in der vergangenen Woche mit, die amerikanische Regierung habe im Mai 1954 beschlossen, eine Atombombe über Haiphong abzuwerfen. Das Blatt stützte diese ungeheuerliche Meldung auf ein geheimes Dokument.

Unangefochten lief die Nachricht über die Agenturen, anstandslos wurde sie in vielen Zeitungen der Welt nachgedruckt – amerikanischen Militärs wird heutzutage nachgerade alles zugetraut –, obschon es die Redakteure hätte stutzig machen müssen, daß der Hafen Haiphong zu jener Zeit noch nicht von feindlichen Vietcong, sondern von alliierten Franzosen besetzt war. Einen Tag später gab der Chefredakteur der Zeitschrift bekannt, das Ganze sei ein Schwindel. Das Geheimdokument existiere gar nicht, es sei frei erfunden worden, um zu beweisen, daß auch erfundene Dokumente für echt gehalten würden, falls sie nur einen genügend einleuchtenden Inhalt hätten. Die Mehrzahl der Zeitungen, die jene Meldung gebracht hatten, hielt es nicht für nötig, ihren Lesern auch die Aufdeckung als Erfindung zur Kenntnis zu bringen.

Mit ihrem Schwindel hat die National Review eine der schwächsten Stellen der heutigen Publizistik bloßgelegt: Um des Geschäftes, um der Sensation, um eines tagespolitischen Zweckes willen – genau läßt sich das nie auseinanderhalten – wird mit der historischen Wahrheit umgesprungen, als sei sie eine Bagatelle. Dabei ist die alte Pilatus-Frage „Was ist Wahrheit?“ für Geschichtsschreibung und Berichterstattung gleichermaßen das Hauptproblem.

Auch dort, wo die Massenmedien und die Zeithistoriker in ehrlicher Absicht und im guten Glauben Geheimnisse aufdecken, werden bestenfalls nur halbe Wahrheiten ausgebreitet. Zeitgenossen sind schlechte Zeugen der Geschichte. Jede ihrer öffentlichen Äußerungen ist getönt – von politischen Interessen, von egoistischen Absichten getragen, und jede Feststellung wird von anderen begierig aufgegriffen, entweder um die eigene Sache zu rechtfertigen oder um die Sache der anderen zu verleumden.

Im Grunde kann man eine Epoche erst dann beurteilen, wenn auch die ungedruckten Quellen der Auswertung zugänglich sind. Darum schrieb Leopold von Ranke, als er sich einmal historischen Ereignissen zuwandte, die nur siebzehn Jahre zurücklagen: „Ich habe Sorge, bei dieser Arbeit der Gegenwart näher zu treten, als es für den Historiker ratsam ist.“