Von Günter Haaf

Der heißeste Untergrundfilm des Jahres läuft mitten im Oben-ohne-Nachtklubviertel von San Franzisko. Vor jeder der vier täglichen Vorstellungen werden Scharen von Interessenten abgewiesen. Viele jener Besucher, die das Spektakel dennoch zu sehen bekommen, verlassen geschockt den Vorführraum.

Den Förderern des Films geht es um den Protest gegen eine „Unterdrückung“. Sie glauben, daß eine verschworene Gemeinschaft eiskalter Geschäftemacher und grob fahrlässiger Beamter im Verein mit kurzsichtigen Ignoranten die Ausstrahlung des starken Stücks durch das Fernsehen boykottiert. Dabei offenbart der Streifen weder neuartige Sexpraktiken noch bislang unbekannte Wege ins Fixerparadies.

Der aufsehenerregende Film wurde schon vor einem Jahr von der britischen Rundfunkgesellschaft BBC produziert und im konservativen Irland vom Fernsehen ausgestrahlt. Sein Titel: „Die Stadt, die auf das Sterben wartet“ („The City That Watts to Die“) – eine Dokumentation über das schwere Erdbeben, das nach Meinung vieler Wissenschaftler San Franzisko in den nächsten zwanzig Jahren heimsuchen wird.

Mit aufrüttelnden Szenen prophezeit die Zelluloid-Apokalypse,

  • daß möglicherweise 50 000 oder gar 100 000 Menschen den partiellen Weltuntergang mit dem Leben bezahlen,
  • daß einige der angeblich erdbebensicheren Wolkenkratzer in der Golden-Gate-Stadt zusammenstürzen können.

Derlei schlechte Aussichten für die Zukunft wollen viele Anrainer der „San-Andreas-Verwerfung“ – einem berüchtigten Erdbebengürtel, der ganz Kalifornien durchzieht und dabei auch San Franzisko tangiert – einfach nicht wahrhaben. Die drohende Katastrophe harmoniert schlecht mit dem sonnigen Image vom US-Wirtschaftswunderland. So ließ der Ruf nach einem Verbot der unbequemen Produktion nicht lange auf sich warten.