Von Valeska von Roques

Als der Junge seinen Kalender auseinanderzog, dachte ich, o weh, er spinnt. Das Papier war in winzige Karos aufgeteilt, die er mit nadelfein geschärften Buntstiften schraffiert hatte. Jeder Tag hatte sein Muster, das sich über Wochen und Monate in leichten Variationen bis zum Jahresende, wiederholte. Beängstigend wenige Karos waren weiß geblieben. In einem Englisch, das der Perfektion seiner Zeitrechnung um etliches nachstand, erklärte mir der Knabe im Kadettengewand japanischer Oberschüler sein System.

Das gelbe Kästchen am Beginn eines Tages stehe für seinen privaten Frühsport – meist ein Dauerlauf rings um den Kaiserlichen Palast im Zentrum von Tokio; den Stundenplan seiner Oberschule von 9 bis 15 Uhr hatte er so umgesetzt: Japanisch – zartviolett, Mathematik – lindgrün, Englisch – hellblau, und so ging es weiter in allen Regenbogenfarben. In einer Zusammensetzung, die sich deutlich auf den folgenden Schultag bezog, wiederholten sich die Farben nachmittags von 17 Uhr bis ein Uhr nachts.

„Schlafen Sie auch mal?“ fragte ich ihn:

„Ja“, sagte er ernst. Bis zum Ende des Jahres hat er fünf Stunden dafür vorgesehen. Vom Januar bis zur Aufnahmeprüfung zur Universität von Tokio im März, werde er sich allerdings nur vier Stunden gönnen. „Bei uns sagt man: vier ja, fünf nein. Das heißt: Wer vor der Prüfung länger als vier Stunden schläft, kann gleich einpacken, der fällt durch.“ Ab Januar werde er sich auch die wöchentliche Stunde hier im „Mokuba“, einem Jazzlokal (braunes Kästchen), verkneifen und sich dafür dem Fach widmen, das verstärkter Aufmerksamkeit bedürfe, wenn er das „enge Tor“ zur Universität von Tokio glatt passieren wolle.

Keiko, meine Dolmetscherin, der ich von der Begegnung erzählte, fand den Typ gar nicht so merkwürdig, obwohl sie einräumen mußte, daß nicht jeder japanische Oberschüler von sechs Uhr früh bis Mitternacht nach einem handkolorierten Dienstplan lebt. Aber in der „Examenshölle“ – so nennt man in Japan das Prüfungsverfahren – hatte sie selbst geschmort, und sie kannte den Leistungsterror für jene, die mit achtzehn die rigorose Auslese beim Zugang zu den Spitzenuniversitäten überstehen wollen. Auch der Spruch von den Schlafenszeiten war ihr nicht neu. Nur hieß es vor ein paar Jahren, als sie dran war, noch: fünf ja, sechs nein. Die Examenshölle wird immer heißer.

Hat man das Fegefeuer überstanden, ist für die Karriere freilich kaum noch entscheidend, was und wie gut man studiert, sondern vielfach allein der Name der Ausbildungsstätte, die man besucht hat: und in diesem merkwürdigen Wertsystem hat sich die japanische Kastengesellschaft unter veränderten Vorzeichen bis in die Gegenwart fortgesetzt. Aus der Aristokratie von Geburt wurde die einer bestimmten Hochschulherkunft.