Während eines Gesprächs, das der Präsident des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele 1972, Willi Daume, mit dem Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Körperkultur und Sport der UdSSR, Sergej Pawlow, in Moskau führte, überbrachte der Vertreter des Sports aus Taschkent Daume eine farbenprächtige Nationaltracht. Die Symptome, die aus der „ansprechenden“ Behandlung Daumes in Moskau als Präsident des Olympischen Organisationskomitees während der sowjetischen Spartakiade sprechen, lassen sich – bei aller angebrachten Zurückhaltung und Berücksichtigung immer möglicher „sportpolitischer Eskapaden“ der kommunistischen Führer – letzlich als ein Erfolg Willi Daumes werten.

Nach der taktisch wenig glücklich angelegten Moskaureise des Deutschen Sportbundes im Mai dieses Jahres taktierte Willi Daume in Moskau nicht ungeschickt. Das nur politisch zu lösende Berlin-Problem und die Akzeptierung der Bindungen des Westberliner Sports an den Bereich des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees wurden von Daumes Gesprächspartnern Sergej Pawlow und dem sowjetischen NOK-Präsident Andrianow auch bewußt nicht hochgespielt. Was die Teilnahme der Berliner Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in Mannschaften der BRD angeht, gibt es keine Schwierigkeiten.

Willi Daume sah sich als bundesdeutscher Sportführer in Moskau in die Rolle des interessanten. Gastes gerückt. Seine Verbeugung vor dem sowjetischen Sport versah IOC-Präsident Avery Brundage mit einem „tönenden Lobgesang Überraschend hielt sich die DDR-Delegation mit DTSB-Präsident Manfred Ewald an der Spitze in Moskau sehr zurück. Von innerdeutschen Kontakten konnte keine Rede sein. Um so interessanter waren die Treffen Willi Daumes mit der sowjetischen Sporführung, die ihren De-facto-Sportminister Sergej Pawlow am 9. August mit vier weiteren Vertretern in die Bundesrepublik entsendet.

Daume wirkte auf verschiedenen Gebieten in Moskau erfolgreich. Abgesehen davon, daß die Sowjetunion in Kürze eine Ausstellung der „Olympischen Spiele 1972“ sehen wird, wußte der OK-Präsident offenbar Sportminister Pawlow davon zu überzeugen, daß die DDR-Attacken wegen einer angeblichen „Demontage“ des olympischen Zeremoniells völlig unbegründet sind. Daume: „Es gibt keinen Zweifel, daß wir uns an die olympischen Bestimmungen halten.“ Diese freilich sehen gekürzte Hymnen vor, die die DDR zum Anlaß für eine wilde Polemik nahm. Die „Rennpferde des kleinen Mannes“, die Brieftauben im Dienst Olympias, konnten unter realistischen Verhandlungspartnern nun wirklich keine Gegensätze hervorrufen. Sie werden in München ein Opfer der Dachkonstruktion werden. Auch bei der „Sport- und Friedensschau“, der V. Spartakiade, vor 100 000 Zuschauern im Moskauer Leninstadion, stiegen keine „Boten des Friedens“, sondern Luftballons zum Himmel.

Die Spartakiade war der offizielle Anlaß für den Besuch einer Delegation des Olympischen Komitees in der sowjetischen Hauptstadt. Daume reiste mit einem „persönlichen Triumph“ im Gepäck in das „rote Mekka“. Bulgarien hatte – gegen den Widerstand Ostberlins – zugestanden, das olympische Feuer für München über bulgarisches Gebiet führen zu lassen. Die Gesprächsinitiative der Vertreter Nordkoreas – die in Kürze die Olympiastadt München besuchen und 1972 an den Olympischen Spielen erstmals teilnehmen werden – sowie die Kontaktgespräche mit Vertretern aus Rumänien, Ungarn, Polen, Bulgarien sowie Ägypten und IOC-Präsident Avery Brundage trugen dazu bei, daß Willi Daume sich von einem politischen Berichterstatter der Moskauer Polit-Szene den Satz einhandelte: „Daume könnte Botschafter der Bundesrepublik spielen.“ Dem muß man hinzufügen, daß der bundesdeutschen „Beamten-Diplomatenvertretung“ in der sowjetischen Hauptstadt offenbar der erforderliche Sinn dafür fehlt, welchen Beitrag der Sport im Gesamtbereich der politischen Beziehungen zwischen beiden Ländern spielen kann.

250 Meter von der Kremlmauer entfernt, wo Geehrte und Verachtete, Kosmonauten und Parteiführer ruhen, wohnte Willi Daume im Moskauer „Renommierhotel“ Rossia. Sportminister Pawlow soll „feuchte Augen“ bekommen haben, als ihm die bundesdeutschen Olympiavertreter den Wunsch vortrugen, Blumenangebinde für die kürzlich verunglückten Astronauten an der Kremlmauer niederzulegen. Die sportliche Berechtigung für diese Totenehrung fand Willi Daume in der Tatsache, daß der Kosmonaut Wolkow Präsident des sowjetischen Kraftsportverbandes war.

Die Finalkämpfe der V. Spartakiade 1971 im Moskauer Leninstadion müssen die Sowjets sehr nachdrücklich davon überzeugt haben, daß ihr Sportsystem zwar Millionen Menschen in Bewegung setzen kann, aber daß es bei solchen Mammutveranstaltungen ein Opfer des eigenen schwerfälligen Apparats wird. Zwar meinte der Münchener Polizeipräsident, Dr. Manfred Schreiber: „Etwas zu lernen, fliegen wir notfalls zum Mond.“ Doch zunächst wollten die Olympiaexperten in Moskau ihren Horizont erweitern. Wie keine andere Spartakiade zuvor wurde bei der V. Spartakiade der Völker der UdSSR seit 1956 deutliche „Selbstkritik“ hörbar. Aus der Regierungszeitung Istwestija klang die Prognose: „Wir erwarten Großes.“ Doch aus diesem demonstrativen Aufruf wurde mit wenigen Ausnahmen in den wichtigsten Wettbewerben der V. Spartakiade nichts. Nur der sowjetische Herkules Wassili Alexejew sorgte mit dem fabulösen 640-Kilogramm-Weltrekord im olympischen Dreikampf für eine sportliche Sensation.