Seit Beginn der Schulferien rollt die Urlaubswelle – wie es so schön heißt. Nachrichten über verstopfte Autobahnen und ausgebuchte Badeorte suggerieren die Vorstellung, daß alle rollen, die Ferien haben.

Daß es so nicht ist, sieht man in den Städten: Wo sich sonst größere Schüler treffen – in und vor Kaffeestuben, in Parks oder auf anderen Plätzen, an gewohnten „Treffs“ – ist es zwar leerer, auf städtischen Spielplätzen sind Rutsche und Schaukel nicht so hoffnungslos umlagert, in den Schwimmbädern ist zwischen den Badenden mehr Wasser zu sehen. Aber es sind genug Schulpflichtige zwischen sechs und fünfzehn, genug Schüler zwischen fünfzehn und neunzehn dageblieben. Eigentlich gerade so viele, wie ohne Enge Platz haben. Sie sind nicht verreist. Warum?

Als Antwort genügt eigentlich, daß ein Drittel der bundesdeutschen Haushalte ein Einkommen unter eintausend Mark monatlich hat. Natürlich gibt es auch andere Gründe, warum Schüler in den großen Ferien zu Hause bleiben müssen. Der häufigste Grund aber ist, daß Eltern mit mehreren Kindern und alleinstehende Mütter für Ferienreisen nicht genug Geld haben.

Die Großstädte haben seit einigen Jahren für daheimgebliebene Kinder Programme ausgearbeitet. Da gibt es den Ferienpaß, der Ferienspaß verspricht. Mit ihm spart man eine Menge Geld: in den öffentlichen Verkehrsmitteln, den Zoos, Museen, botanischen Gärten, den Frei- und Hallenbädern. In Hamburg kann, wer einen Ferienpaß hat, billig den Michel, den Turm der Michaeliskirche, besteigen, ins Planetarium gehen, die Niederelbe auf einem Dampfer befahren. In München darf er auf den Olympiaturm fahren, zu Platten-Partys gehen, oder abends für 2,50 Mark ins Kino. In Frankfurt gibt es die Möglichkeit, im „Kinderplaneten“ auf dem Messegelände angestaute Aggressionen loszuwerden. Da stehen Autowracks zur Zerstörung bereit und Wände zum Bemalen. Überall reger Zuspruch.

Auch Kreisstädte und kleinere Städte lassen sich nicht lumpen. Sie machen es ähnlich. Und wenn es am Ort außer Schwimmbädern und Sportplätzen nichts Attraktives gibt, organisieren sie Busfahrten in die nahen Großstädte – kleine Reisen zu kleinen Preisen. Für sozial Schwache gratis. („Schreiben Sie lieber, für von den Sozialämtern Betreute“, schlägt der Sprecher einer Stadtverwaltung vor.)

Nun, außer Großstädten, Kreisstädten, kleineren und Kleinstädten gibt es ländliche Gebiete, Flecken, Gemeinden, Dörfer. Was machen dort die Schulkinder mit den großen Ferien, mit den sechs Wochen ohne Schule?

Die Elbfähre von Glückstadt nach Wischhafen ist voller Autos mit ausländischen Kennzeichen und solchen aus mehreren deutschen Ländern. Die Fähre kommt im Land Kehdingen an. Die Wagen – Urlaubswelle abseits der Autobahnen – rollen durch Kehdingen, durch Hadeln, durch Bauernland mit Flecken, Gemeinden. Auf den Straßen – sieht man ein paar alte Männer beim Verdauungsspaziergang, Hausfrauen, die in die Läden gehen. Hier und da stehen Schüler – kleine Gruppen von drei oder vier – an den Ecken mit ihren Fahrrädern, auf die sie sich stützen, als müßten sie sonst umfallen. Gespräche. – fast keine. Manchmal kommt einer hinzu und sagt: „Manfred, du sollst nach Hause kommen, im Garten helfen.“