Von Alexander Rost

Ein paar Schritte rechts von der Travemünder Bikini-Küste, und man sieht ihre Masttopps über den Bäumen. Zuweilen fahren Touristen hinüber, blicken hinauf und sagen: „Was, so hoch!“ Im nächsten Jahr wird eine ganze Flotte von Großseglern ihr gleichsam Reverenz erweisen: der Viermastbark „Passat“.

Der letzte deutsche Windjammer liegt, festgemacht an Dückdalben, auf der Trave. Und in Kiel sitzt der Kapitän Hans Engel, früher Kommandant des Segelschulschiffes „Gorch Fock“, und bereitet eine „Operation Sail“ für die letzten Großsegler aus aller Welt vor. Im Sommer 1972 werden sie in der Lübecker Bucht und dann auf der Kieler Förde, wo die Olympischen Segelwettfahrten stattfinden, paradieren; und man wird vom „Windjammertreffen“ sprechen, und das wird nicht ganz korrekt sein.

Große Segelschiffe sind heute durchweg Schulschiffe; Windjammer aber waren die Segler, die Fracht trugen, Geld machten, arbeiten mußten. Die „Passat“ ist ihr schwimmendes Denkmal. Zuweilen bummele ich über ihr Deck. Wie lang ist’s her, daß sie lebendig unter Segeln war? Die Zeitungsausschnitte sind schon vergilbt, die Notizen von der Seeamtsverhandlung kaum noch lesbar: Untergang der „Pamir“, letzte Reise der „Passat“ ...

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Wind und Wetter und der Brasilstrom lagen wie ein Riegel vor dem Atlantik. Um aus der La-Plata-Mündung herauszugelangen, mußte die „Passat“ einen Umweg über Kurs Süd nehmen und den Motor anwerfen, bis der Bugspriet, der Klüverbaum, wie der Seemann sagt, endlich gen Nordost zeigte, Richtung Heimat.

Als die Breite von Rio Grande erreicht war, kam jemand in die Kajüte gestürzt: Die „Pamir“ hatte SOS gefunkt. Und während sie im Orkan unterging, lag ihr Schwesterschiff, die „Passat“, in der Flaute. Auf ihrer letzten Reise, im Herbst 1957, waren die letzten deutschen Windjammer in je eine der beiden Extremsituationen geraten, die der Seemann von Anbeginn verflucht hat.