Mit ihm in Salzburg zu spazieren, war ehrenvoll und brachte Gewinn. Ein Mann mit blauer Schürze, mit Putzeimer und Leiter kreuzte unseren Weg: „Hab’ die Ehre, Herr Hofrat!“ Oder ein junges Mädchen: „Grüß Gott, Herr Professor!“ Oder im Café: „Was soll’s denn sein, Herr Direktor?“

Auf dem Musiker Bernhard Paumgartner hatten sich die Titel wie bunte Schmetterlinge niedergelassen. Und er trug sie mit Grazie. „Guten Tag, Herr Doktor.“

Wer in Salzburg etwas auf sich hielt, mußte diesem alten Herren seine Referenz erweisen, der da groß, nur leicht gebeugt, mit zugleich liebenswürdigem und knorrigem Ausdruck im durchfurchten Angesicht die Stadt durchwanderte. Aber Doktor? Wieso? Hatte da nicht die österreichische Lust zum Titulieren des Guten etwas zuviel getan?

Nein, der Doktortitel, den er zum Abschluß der juristischen Studien an der Wiener Universität erworben hatte, war das Zeichen seiner jungen Freiheit gewesen. Jetzt riß es ihn zur Musik, zur Musik- und Kunstgeschichte, zur musikalischen und theatralischen Theorie, zur Archäologie sogar. Gleichzeitig begann er unter äußerst günstigen Umständen eine Dirigentenlaufbahn, an der Wiener Hofoper nämlich und als Solo-Korrepetitor, wozu er das Rüstzeug gewissermaßen schon von Hause mitbrachte: zuverlässiges Vom-Blatt-Spiel am Klavier, geradezu frühreife Kenntnisse der Opernliteratur, sichere Vorstellungsgabe, wie etwas zu klingen habe. So einer studiert Opernrollen ein, und die arrogantesten Stars bemühen sich schon deshalb, Ton in Töpfers Hand zu sein, weil sie ahnen, dieser junge Mann wird einmal, wo auch immer, wie auch immer, Herr vom Ganzen sein.

Nun ist Paumgartner dennoch nicht Opernkapellmeister geworden. Anstatt seine Begabung zu spezialisieren und also auch zu limitieren, nahm er ganz bewußt seinen Platz auf der Grenze ein: Er blickte hinüber und herüber, war zugleich Schöpfer und Forscher, Künstler und Gelehrter, Lehrer und Kritiker, ein Naiver und ein Intellektueller. Dies hat ihn befähigt, ein Lebenswerk zu gestalten, das als Signum einen Städtenamen trägt: Salzburg.

Er war an der Gründung der Festspiele beteiligt. Und wenn es zuviel gesagt wäre, daß er dabei die entscheidende Rolle gespielt hätte, so ist doch nicht zuviel gesagt, daß sie ohne ihn nicht existierten, jedenfalls nicht so, wie sie existieren und wohl auch Dauer haben. Erst vor einem Vierteljahr hat er das Amt des Präsidenten der Festspiele niedergelegt. Und die Spiele dieses Sommers 1971 begannen gerade, als er sich nach kurzer Krankheit still davonmachte, 82 Jahre alt.

Bei seinem vielseitigen Wesen ist es wohl selbstverständlich, daß er jeden Menschen, mit dem er zusammentraf, auf andere Weise beeindruckt hat. Mich hat immer wieder sein Erzählen beglückt, seine Kunst geläufigen, nie banalen Improvisierens in einem ebenso gebildeten wie volkstümlichen Idiom, das er einst „anständiges Wienerisch“ nannte, wenn andere sich dieses Tones bedienten. Diese Sprache Paumgartners ist auf Tonbändern viel zu selten festgehalten worden. Sie war unnachahmlich.