Durch das Eingreifen einer 87jährigen Dame wurde bei der Münchner Traditionsfirma Wacker Chemie GmbH spektakuläre Personalpolitik gemacht. Von heute auf morgen mußte einer der drei Geschäftsführer, Professor Karl Heinz Wacker, mit nur 52 Jahren die Firma verlassen die seinen Namen trägt. Mit ihm ging, der Senior der Geschäftsführung, Herbert- Berg, der jedoch die Altersgrenze bereits überschritten hatte. Sein Ausscheiden wurde um ein halbes Jahr vorverlegt, um in einem Zug "reinen Tisch" zu machen.

Über die Hintergründe des in Münchner Wirtschaftskreisen heftig diskutierten Eklats drang zunächst nichts nach außen. Neugierige Frager wurden von Rechtsanwalt Karl Heinz Weiß, seit vier Wochen Geschäftsführer der Dr. Alex ander Wacker Fämiliengesellschaft mbH, die sich mit der Farbwerke Hoechst AG paritätisch in den Besitz der Wacker Chemie teilt, abschlägig beschieden: "Wir wollen im Augenblick keine Kommentare abgeben, sondern die Privatsphäre respektieren "

Geschäftsführer Ekkehard Maurer, 52, der allein vom alten Management übriggeblieben ist und als Vertreter der Hoechst Interessen gilt, erklärte immerhin: "Die Wacker Chemie in ihrem Firmenleben, ihrem Bestand und ihrer wirtschaftlichen Situation ist davon nicht berührt " Die Devise sei nun "Ruhe und Vertrauen". Doch Maurer räumt ein, daß es noch "eine ganze Menge Probleme" zu lösen gebe. Vorerst wurde nur Rudolf Mittag zum Nachfolger Bergs in die Geschäftsführung berufen. Ob die Familie Wakker wieder einen "dritten Mann" in das Führungsgremium entsenden wird, ist ungeklärt. Auch der bisherige Aufsichtsratsvorsitzende Albrecht Müller, Mitinhaber des Münchner Privatbankhauses Aufhäuser, ist als Aufsichtsrat und als Geschäftsführer der Wacker Famüiengesellschaft zurückgetreten. Auf seinen Vorschlag wurde- Karl Heinz Weiß zum Nachfolger berufen.

Ausgelöst wurde das doppelte Revirement offensichtlich durch Differenzen zwischen Karl Heinz Wacker, Honorarprofessor für Betriebswirtschaftslehre an der Münchner Universität, und Bankier Müller. Der Bankier legte nach einer harten Auseinandersetzung aus Protest gegen den Professor seine Ämter nieder. Doch die Mehrheit der Familie stellte sich hinter ihn und feuerte statt dessen ihren Verwandten mit Zustimmung des Gesellschafters Hoechst.

Treibende Kraft war dabei die greise Tante des Professors, "I Exc Frau Marie Eberth (wie sie der Geschäftsbericht ausweist), einzige Tochter des Firmengründers Alexander Wacker und streitbare Witwe eines Generals. Der "Genera- Im" gehören allein 50 Prozent der Anteile in der Familien GmbH, die fünf Gesellschafter zahlt. Auch seinen jüngeren Bruder Horst Günter hatte Karl Heinz Wacker gegen sich.

Doch er ist nicht nur "Opfer" eines FamilienzwisfSi Handfeste Geschäftspolitik der WackerChemie ist dabei im Spiel. Professor Wacker verfolgte in den letzten Jahren, nachdem das Unternehmen mit der Marathon Raffinerie bei Burghausen den Anschluß an die Petrochemie gefunden hatte, einen recht expansiven Kurs: Der Umsatz stieg 1969 um über 25 Prozent und 1970 um weitere acht Prozent auf 624 Millionen Mark. Das Unternehmen beteiligte sich über die Tochter Wacker Chemical Corp, mit 33 Prozent an der Stauffer Wacker Silicone Corp, in New York, um mit der US Firma Stauffer das zukunftsreiche Geschäft mit Siliconen zu forcieren. Jetzt wird überlegt, ob man dieses Engagement einer "neuen Konzeption" unterordnen soll. Das Projekt eines repräsentativen Verwaltungsgebäudes auf dem Tivoli Gelände an der Isar für rund 90 Millionen Mark ist schon vor einem Jahr gestoppt worden.

Hoechst Vorstandsmitglied Heinz Kaufmann "bedauerte" den verbliebenen Direktor Maurer, daß er zehn Jahre lang den exzentrischen Professor habe ertragen müssen. Und Dr. Berg mußte sich den Vorwurf gefallen lassen, er habe die ganze. Zeit auf der "falschen Seite" ge stan den;!<>! Erneut stellt sich nundie Frage, ob Hoechst eine Mehrheit bei Wacker anstrebt. Schon Vorjahren hatte der Konzern, der bis dahinmir 49 Prozent besaß, für das zur Parität fehlende Prozent 15 bis 20 Millionen Mark hineingelegt. Ein weiteres Prozent würde sich die Familie mindestens ebenso teuer bezahlen lassen, obwohl das gesamte Stammkapital nur 80 Millionen und der Jahresüberschuß mit zehn Millionen Mark nur 1 6 Prozent vom Umsatz betragen.