Eutin: Kreisstadt in Schleswig-Holstein, 1143 gegründet, rund 20 000 Einwohner, 93 Prozent evangelisch, zwei Gymnasien, Real-, Kreisberufs-, Landwirtschafts- und Landespolizeischule, D-Zug-Station (Kursbuch 114d), Kreisbibliothek mit 40 000 Bänden, Wahlergebnisse bei der letzten Landtagswahl CDU 55,4 Prozent im Norden, 54,1 Prozent im Süden, SPD 39,3 und 40,4, FDP 3,5 und 3,8, NPD 1,4 und 1,3, DKP 0,3 Prozent.

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Es ist beinahe wie in Bayreuth. Wenige Minuten vor dem Beginn treten drei Posaunisten an den Waldrand und blasen das Anfangsmotiv der Ouvertüre, einmal zunächst, was ungefähr besagt: Allmählich sollten Sie sich dem Tor des Schloßparks nähern, und die Stimme des fast schon erwachsenen Programmverkäufers wird jetzt um eine Nuance lauter; zweimal, und wenn Sie jetzt noch nicht unten am Wasser sind, legen Sie tunlichst einen Schritt zu; dreimal: Nun sollten auch Sie sich Ihr Nest auf dem Holzbänkchen so einrichten, daß Sie nach dem ersten Akt ohne großen Aufstand die mitgebrachte Decke über Rücken und Beine ziehen können.

Nach der Pause dann ein ähnliches Zeremoniell. Zwar blasen die drei Herren nicht exakt fünfzehn, zehn und fünf Minuten vor Wiederbeginn, aber die Pause dauert auch nicht so lange wie in Bayreuth; sie ist auch nicht so anstrengend, denn niemand muß unbedingt das eleganteste Abendkleid ausfindig machen.

In Eutin kommt der Dirigent direkt aus dem Wald. Die vielleicht fünfzig Meter, die er zurückzulegen hat, vom „Bühnenhaus“ zunächst über einen Trampelpfad, dann längs der Zuschauerblöcke bis hin zum Eingang des Orchestergrabens, wo der Orchesterdiener ihm beflissen das kleine schmiedeeiserne Gittertürchen offenhält, scheinen die schwersten einer solchen Laufbahn zu sein. Erwin Jamrosy, Chefdirigent der Eutiner Sommerspiele, ansonsten Hildesheimer, weiß längst, an welcher Stelle er zum erstenmal den Blick vom Boden heben darf, um mit einer leichten Neigung des Kopfes für den Applaus dankend ins Publikum zu grüßen, wobei er in den konzentrierten, streng-sachlichen Gesichtsausdruck je ein ganz klein wenig Huld und Scheu mischt. Erwin Jamrosy dirigiert den „Freischütz“ auswendig. Christoph Prick hingegen, ein junger Kapellmeister aus Trier, sprintet die Strecke sozusagen, schaut nur im letzten Moment kurz zum Block C hinauf, ist froh, wenn er hinter dem Türchen ist, blättert gleich intensiv in der bibeldicken Partitur von Donizettis „Liebestrank“.

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Wenn Sie mit dem Wagen aus Richtung Süden anreisen, meiden Sie die Wege zu den Ostseebädern, zu denen ab Hamburg auch die Autobahn nach Lübeck zählt. Außer Ihnen wollen in dieser Jahreszeit Tausende so schnell wie möglich ans Wasser, und von der Lübecker Stadtgrenze über die Abzweigung Travemünde die ganze Bundesstraße 207 entlang bis zum Süseler Baum können Sie allenfalls das Langsamfahren üben. Nehmen Sie lieber, die B 432 über Bad Segeberg und achten Sie darauf, wie der Kreis Ostholstein langsam zu einem Park wird.