Osnabrück

Auf den menschlichen Organismus wirken 60 bis 120 Milligramm Arsenik absolut tödlich; auf den Müllkippen in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen lagern 3360 Tonnen Kalkschlamm, die mit zehn Prozent hochgiftigem Arsen und neunzehn Prozent Blei angereichert sind. Theoretisch würde diese Menge ausreichen, um die Mehrheit der Menschen auszurotten. Daß in der Praxis bislang nur Nachrufe auf die Umwelt und den Umweltschutz geschrieben wurden, liegt an der schweren Löslichkeit des Materials: Nur in einigen Brunnen Nordrhein-Westfalens weist das Wasser, einen Arsengehalt von 0,04 bis 0,1 Milligramm pro Liter auf, eine Menge, die nach Ansicht des Innenministeriums für die menschliche Gesundheit aber ungefährlich ist.

Während sich die Gefahr für die Bevölkerung verringert, wird das Sündenregister der Fuhrunternehmer immer größer. Die Osnabrücker „Entsorgungsgesellschaft“, die gegen bares Geld Umweltschutz betreibt, hatte sich verpflichtet, 4000 Tonnen arsenhaltigen Schlamm von der Nievenheimer Zinkhütte in einen stillgelegten Bergwerksstollen des niedersächsischen Kreises Peine zu kippen. Doch statt im Stollen, landete das Gift auf Halden. Innenminister Weyer nannte den Vorgang einen „unglaublichen Skandal“, ein Sprecher der Vereinigten Zinkwerke Stolberg, denen die Nievenheimer Hütte gehört, erboste sich: „Wir sind betrogen worden.“ Selbst wenn die Firma beweisen könne, daß das Zeug ungefährlich abgelagert worden sei, „hat sie uns geldlich übers Ohr gehauen. Bezahlt wurde der Transport nach Peine und die Abfüllung im Bergwerk.“ Und das ließ sich die Zinkhütte 350 000 Mark kosten.

Die Vorwürfe richten sich in erster Linie an die Adresse von Georg Klausing, Geschäftsführer und Mitinhaber der Osnabrücker „Entsorgungsgesellschaft“ und die beiden Transportunternehmer Josef Wessler und Karl Blum. Während letztere erklären: „So richtig informiert waren wir auch nicht über das, was wir da fahren sollten“, weist Klausing jede Verantwortung von sich: Die beiden Unternehmer haben eigenverantwortlich gehandelt.

Der Schwarze Peter wird weitergereicht. Jetzt ist die Kreisverwaltung in Peine der „störende Faktor“, da sie nicht rechtzeitig die Erlaubnis zur Ablagerung gab. Ein Gutachten des niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung bescheinigte dem Osnabrücker Müllbeseitigungsunternehmen zwar die Ungefährlichkeit der Ablagerung in dem stillgelegten Bergwerksschacht, aber die Genehmigung ließ auf sich warten. Die Zeit im Nacken und den Profit vor Augen, beschloß man, so Klausing, den Kalkschlamm „vorerst auf Müllkippen abzulagern, um sie von dort aus später in den Stollen zu bringen“.

Daß eine Katastrophe nicht eingetreten ist, geht auf das Verdienstkonto eines Angestellten der Nievenheimer Hütte. Ihn machte es stutzig, in welch kurzer Zeit die Lkw-Fahrer des Osnabrücker Unternehmens ihre Fuhren von Stolberg bei Aachen nach Peine zurücklegten, und er folgte den Lastern auf die Kippe.

Obgleich Beamte und Behörden inzwischen optimistisch sind, auch noch die letzten Tonnen Giftschlamm aufzuspüren, jagen sich die Gerüchte in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen: