Eine weiße Haube hielt ihre braunen Locken zusammen. Unter einer blauen Schürze trug sie zusammen. So stand Irene an einem Sonntagmorgen, schön geschminkt, in der Küche eines Hamburger Krankenhauses vor einem Stapel Töpfe und Pfannen. Sie sollte sie abwaschen; sie weigerte sich: „Da geh’ ich lieber abwaschen;

Irene ist ein „Acht-Uhr-Mädchen“. Sie werden so genannt, weil sie nur an Sonntagen, und dann eine Stunde später als das übrige Personal, erscheinen. Sie kommen unfreiwillig; denn sie werden von Jugendrichtern „zur Strafe“ in die Krankenhausküche geschickt: meist für zwei- bis dreimal und höchstens für sechs Sonntage. Weshalb sie kommen müssen, wird nicht mitgeteilt; doch sie erzählen es von selbst:

Die einen fuhren wiederholt ohne Fahrkarte. Andere stahlen in einem Warenhaus Kleider. Und auch Schülerinnen, die nach 22 Uhr in Tanzlokalen aufgegriffen wurden, treffen sich in der Küche wieder. Irene erzählte ihre Geschichte, während sie schließlich doch die Töpfe und Pfannen abwusch: „Bei einer Autofahrt mit einem Bekannten saß ich am Steuer. Auf einer Nebenstraße wurden wir von zwei Polizisten aufgehalten. Am Licht war etwas nicht in Ordnung.“ Was den Beamten noch weniger gefiel: Irene, knapp sechzehn, besaß keinen Führerschein.

Morgens um acht Uhr stehen sie vor der Küchentür; ein, zwei, manchmal drei Mädchen. Sie sehen sich alle recht ähnlich, tragen Kleider, als wollten sie zum Stadtbummel; aber was sonst sollen sie tragen? In ihren Schränken hängen keine anderen Sachen, stehen keine Küchenschuhe. Zuerst werden ihnen Schürzen umgebunden; wenn sie Miniröcke oder Hot-pants tragen: eine vorn und eine hinten. Setzen sie sich die weißen Küchenhauben auf, dann passen sie schon ganz gut in eine Küche. Allein: der Wille, möglichst wenig zu arbeiten, ist ungebrochen.

Besonders zu dritt sind sie „stark“. Sie schließen sich in der Toilette ein und rauchen Zigaretten. Drückt man ihnen Eimer und Bürste in die Hand, damit sie Herd oder Fußboden säubern, stehen sie damit hilflos herum. Glauben sie sich unbeobachtet, dann tratschen sie. Verpflegt werden sie im Krankenhaus, und „Entlassung“ ist um 15 Uhr. Keines der Mädchen strengt sich bei der Arbeit irgendwie an. Nicht gezeigt wird auch Schuldgefühl oder Reue. Geweint wird nur auch Zwiebelnschneiden.

Das Personal hat sich an die Acht-Uhr-Mädchen gewöhnt und läßt sie, so gut es geht, in Ruhe. Man fragt sie kaum nach dem Namen. Die Leiterin der Küche, eine Ordensschwester, sagt: „Mit Autorität oder Strenge ist da nichts zu erreichen. Höchstens kann ich sie mit Liebe dazu bringen, daß sie wenigstens etwas arbeiten.“ Erfolg: nicht gerade aus „Liebe“, sondern mehr um nett zu der Schwester zu sein, nahm eines der Mädchen zur Arbeit ihre Perücke ab. Dankbar erinnert man sich auch an eine kleine „Love Story“, als eine Siebzehnjährige ihren Freund mitbrachte und beide, als er bleiben durfte, drei Sonntage willig arbeiteten.

Mit der Fürsorge und der Vormundschaftsbehörde kommen die Mädchen nur in Kontakt, wenn sie ihren „Sonntagsarrest“ in der Küche nicht absolvieren. Mehr als zehn Prozent freilich bleiben weg, bevor sie alle Sonntage hinter sich haben. Irene zum Beispiel war nach dem ersten Sonntag nicht mehr erschienen. Sie „dachte schon längst nicht mehr daran“, als an einem Sonnabend eine neue Vorladung vom Jugendgericht zu Hause lag. „Was ich mir eigentlich vorstelle?“ habe der Richter zu ihr gesagt; und zu den vier ausstehenden erhielt sie noch zwei „Küchen-Sonntage“ zusätzlich „aufgebrummt“. Wenig beeindruckt erschien sie dann wieder; aber sie fand Küchenarbeit „immer noch besser als eine Geldstrafe“.