An der Börse spricht man seit kurzem von „roten“ Aktien. Als „rot“ werden die VWsowie die HEW-Aktien angesehen. Beim< Volkswagenwerk haben die beiden Großaktionäre Bund und Land Niedersachsen mit ihren Stimmen einen Aufsichtsrat wählen lassen, der in seiner Mehrheit jetzt ideologisch links steht. Er hat einen Sozialdemokraten in den Vorstand berufen, der den Posten des „Arbeitsdirektors“ ausfüllen soll. Ob die politischen Auseinandersetzungen der einzige Grund für die Stagnation des VW-Kurses sind (er bewegt sich in der Nähe seines Jahrestiefstandes) oder ob die Anleger wegen der wirtschaftlichen Zukunft des Volkswagenwerks mißtrauisch wurden, läßt sich nach meiner Ansicht, meine verehrten Leser, zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht entscheiden.

Daß aber die Vorgänge bei der Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) den freien HEW-Aktionären zum Nachteil gereicht haben, ist unbestreitbar. Der HEW-Kurs fiel innerhalb weniger Wochen von 380 auf 280 Mark zurück. Die Verkäufe sind auf das Verhalten des Senats der Hansestadt Hamburg zurückzuführen, der mit seinen Stimmen zwei HEW-Arbeitnehmer in den Aufsichtsrat wählen ließ, und zwar zusätzlich zu jenen Arbeitnehmern, die nach dem Betriebsverfassungsgesetz ohnehin in einem deutschen Aufsichtsrat vertreten sein müssen. Bei den HEW geht es nach Ansicht der Kritiker um die kalte Einführung der paritätischen Mitbestimmung.

Das ist aber nur ein Grund für den HEW-Kursverfall. Auf der Hauptversammlung ist den HEW-Aktionären für 1971 eine Senkung der Jahresausschüttung in Aussicht gestellt worden. Auch hier vermuten, die Anleger einen politischen Hintergrund. Die HEW müssen wie alle anderen Stromversorgungsunternehmen wegen der gestiegenen Personal- und Sachkosten die Tarife erhöhen. So etwas glaubt in Hamburg – wie schon einmal, in der Nachkriegsgeschichte – der Senat nur in Verbindung mit einer Dividendensenkung dem Volke gegenüber vertreten zu können. Andere Versorgungsunternehmen werden ihre Dividende nicht kürzen, weil sie rechtzeitig ihre Tarife den steigenden Kosten angleichen ließen.

Vor zwei Wochen geriet nun auch die Veba-Aktie unter Druck. Was war geschehen? Es wurden Pläne der Bundesregierung bekannt, die Staatsholding Viag der Veba anzugliedern. Die Folge wäre eine Erhöhung des Bundesanteils an der Veba von heute 40,25 auf über 50 Prozent. Für die freien Veba-Aktionäre würde damit eine neue Situation entstehen; sie hätten keine Mehrheit in der Gesellschaft mehr.

Der ehemalige Bundesschatzminister und heutige CSU-Abgeordnete Dollinger sprach denn auch prompt davon, daß die Regierung auf dem Weg zum Staatssozialismus sei. Er vergaß dabei allerdings, daß es seine Regierung war, die eine Privatisierungspolitik mit halbem Herzen betrieben hat. Konsequenterweise hätte der Bund sich damals völlig aus dem Volkswagenwerk und der Veba zurückziehen müssen. Das hat man seinerzeit nicht getan, weil in den Köpfen der Ministerialbürokraten die Idee steckt, über Bundesbeteiligungen Wirtschaftspolitik treiben zu können. Daß man dabei rasch mit dem Aktiengesetz kollidiert, hat man in Bonn nie erkennen wollen.

Müssen die freien Veba-Aktionäre nun tatsächlich Sorge haben, daß der Bund eine Unternehmenspolitik bei der Veba treiben läßt, die ihren Interessen zuwiderläuft? Die Antwort auf diese Frage ist deshalb wichtig, weil die Veba-Aktionäre zur kommenden Jahreswende von ihrer Gesellschaft zur Zeichnung neuer Aktien (4:1 zu wahrscheinlich 100 Mark je 50 Mark-Aktie) aufgefordert werden. Wer neues Geld gibt, muß Vertrauen in seine Investition haben. Kann man zur Veba noch Vertrauen haben?

Ich glaube: ja und zwar aus folgenden Gründen: