Die Soziale Marktwirtschaft gerät in Gefahr, der Vergangenheit zugerechnet zu werden, obwohl ihre Bedeutung für Gegenwart und Zukunft von höchster Aktualität ist. Dieser Widerspruch war es vor allem, der die beiden politischen Unternehmerverbände veranlaßt hatte, das Thema „Soziale Marktwirtschaft – Gebot der Vernunft, Motor des Fortschritts“ zum Thema des Wirtschaftstages 71 zu machen (24./25. Juni veranstaltet vom Wirtschaftsrat der CDU e. V. und vom Wirtschaftsbeirat der Union e.V.). Dabei verfolgte man vor allem drei Ziele.

Einmal ging es ihm darum, die Aktualität des marktwirtschaftlichen Systems für unsere Gesellschaftsordnung deutlich werden zu lassen. Wenngleich unsere Freiheit noch immer von außen durch ein kurzsichtiges Bemühen der Sowjetunion um Ausdehnung ihres hegemonialen Einflusses auf Europa bedroht ist, so sieht sich doch unsere Freiheit im inneren fast noch größeren Gefahren gegenüber. Die Hauptgefahr dabei ist, daß die Bedrohung der Freiheit nur unvollkommen erkannt wird.

Im Bereich der Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird dies deutlich an der Tatsache, daß zwar die Mehrheit der Bevölkerung in der Bundesrepublik – Arbeitnehmer wie Unternehmer – gelernt hat, die Freiheit, die das Ordnungssystem der Sozialen Marktwirtschaft bietet, zu nutzen, daß aber nur sehr wenige in Wirtschaft und Politik in der Lage sind, die Hauptvoraussetzungen und Maximen dieser Gesellschaftsordnung anderen einleuchtend und überzeugend zu beschreiben, geschweige denn gegen überlegte Angriffe zu verteidigen.

Mit anderen Worten: Wir stehen vor einem Nachholbedarf an Information über unser freiheitliches Wirtschaftssystem. Auf der Seite der Kritiker gesellen sich inzwischen zu den ideologisch gefärbten Gruppen, die nach systemüberwindenden Reformen rufen, diejenigen, die die derzeitige konjunkturpolitische Misere nicht den politisch Verantwortlichen, sondern dem System anlasten.

Demgegenüber galt es also auf dem Wirtschaftstag 71 klarzumachen, wie bedeutungsvoll die Erhaltung marktwirtschaftlicher Freiheit für „jedermann“ ist und woher vor allem die Bedrohungen kommen, mit denen wir fertig zu werden haben.

Das zweite Ziel des Wirtschaftstages 71 war die politische Entfaltung der auf dem Düsseldorfer Programmparteitag der CDU im Januar 1971 beschlossenen Forderung, die Soziale Marktwirtschaft zu einem „wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Programm für alle“ zu machen. Also nicht nur wirtschaftspolitische Freiheit für Unternehmer, sondern Gesamtsystem mit der Zielsetzung, den Freiheitsraum des einzelnen in der Gesellschaft zu erweitern und es ihm besser zu ermöglichen, in diesem Freiheitsraum Verantwortungsfähigkeit und Verantwortungsfreude auszuüben.

Die Referate des Wirtschaftsrates beschäftigten sich daher sowohl mit den einzelnen als auch mit den Gruppen und der Rolle, die der Staat gegenüber beiden zu spielen hat, wenn die Marktwirtschaft solchen Dienst am einzelnen erfüllen soll. In diesem Zusammenhang fiel das Wort von der Würde der mit dem „ethischen Imperativ der sozialen Verpflichtung verbundenen Freiheit“.