Die Chemie der Bundesrepublik ist aus der Talsohle noch nicht heraus. Obwohl die IG Chemie bei der letzten Tarifrunde statt der angestrebten 14prozentigen Lohnerhöhung nur eine Tarifanhebung um 7,8 Prozent durchsetzte, ist die Ertragslage nach wie vor unzureichend, da die Unternehmen die angekündigten Preiserhöhungen – vor allem für Textilfasern und Kunststoffe – nur teilweise durchsetzen konnten.

In den beiden „Sorgensparten“ der chemischen Industrie werden die Preise nach wie vor durch hohe Importe gedrückt, die in den letzten Monaten – nicht zuletzt unter dem Einfluß der Freigabe des DM-Wechselkurses – stets schneller gestiegen sind als die Exporte. Im Mai dieses Jahres zum Beispiel erhöhten sich die Einfuhren chemischer Erzeugnisse um 33,8 Prozent, während die Ausfuhren nur um 14,1 Prozent zunahmen. Damit entsprechen die Einfuhren etwa der Hälfte. der Ausfuhren, die in früheren Jahren in der Regel dreimal so hoch wie die Importe waren.

Der Durchschnitt aller Chemiepreise stieg in den ersten sechs Monaten 1971 nur noch geringfügig an. 1970 betrugen die Preiserhöhungen 1,2 Prozent, in der ersten Jahreshälfte 1971 lagen sie um 2,2 Prozent höher als in der Vergleichszeit des Vorjahres. Da die Lohnkosten mit der Erhöhung um 7,8 Prozent stärker stiegen als die Umsatzerlöse, ergab sich eine weitere Einengung der Gewinnmarge. Nach der leichten Preisanhebung liegt der Index für chemische Erzeugnisse immer noch um 3,5 Prozent unter dem Stand von 1962. Bei Kunststofferzeugnissen allein ist er sogar noch um 6,1 Prozent hinter 1962 zurückgeblieben.

Rechnet man die gestiegenen Löhne bei einem Lohnkostenanteil von 21,3 Prozent als Umsatz gegen die Preisanhebungen auf, so müssen, alle anderen Kostensteigerungen – etwa bei Bauten, Maschinen und Brennstoffen – zu Lasten des Gewinns gegangen sein. Die starke Steigerung der Investitionskosten um 15 bis 20 Prozent hat vier von zehn Chemieunternehmen zu einer Kürzung der Investitionen veranlaßt. Weil die Investitionsplanung langfristig ist, besteht kein ausreichender Spielraum, um die eingetreteilen Ertragseinbußen aufzufangen. Auch auf dem Personalsektor haben sich keine Einsparungsmöglichkeiten ergeben. Die Zahl der Beschäftigten ist gegenüber dem Vorjahresstand nur um knapp 1000 Mitarbeiter oder 0,3 Prozent zurückgegangen. ...

Ob die vom Vorstandsvorsitzenden der Farbwerke Hoechst, Rolf Sammet, in Aussicht gestellte und keineswegs nur für Hoechst geltende Dividendenkürzung für das Geschäftsjahr 1971 vermieden werden kann, wird weitgehend davon abhängen, ob es gelingt, die Chemiepreise in der zweiten Jahreshälfte stärker als in den ersten sechs Monaten anzuheben. Im ersten Halbjahr jedenfalls ist die anteilige Dividende für 1971 noch nicht verdient worden. mh