Von Barbara Beuys

„Kennedy war eine außerordentlich anziehende Persönlichkeit, er hatte wirklichen Charme. Aber er schien mir in keiner Hinsicht ein großer Mann.“

Dean Acheson, US-Außenminister a. D., im Sommer 1971

Der Nimbus John Fitzgerald Kennedys hat in diesem Sommer erheblich gelitten. Nach der Veröffentlichung der geheimen Pentagon-Papers steht fest, daß er im Vietnamkrieg keineswegs strahlender dasteht als sein Nachfolger Lyndon Johnson. Es ist an der Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen.

Nicht viel mehr als zehn Jahre sind vergangen, seit Kennedy sein Amt mit einer Rede antrat, die den Grundstein zu einem Mythos legte, der nationale und ideologische Grenzen sprengen sollte: „Jede Nation, mag sie uns Gutes oder Böses wünschen, soll wissen, daß wir jeden Preis bezahlen, jede Bürde auf uns nehmen, jede Härte ertragen, jedem Freund helfen und jedem Feind entgegentreten werden, um den Fortbestand und den Sieg der Freiheit zu sichern.“ John F. Kennedy hatte 1036 Tage, um seine zahlreichen Versprechen einzulösen, um Amerika in Richtung auf die „neuen Grenzen“ zu führen und die Menschheit an die Schwelle eines neuen, friedlichen Zeitalters. Als er starb, war die Erschütterung tief, waren die Nachrufe einhellig: Amerika und die Welt werden nie wieder dieselben sein. Ein Mann hat seiner Epoche den Stempel aufgedrückt.

Ein Jahr später kamen die Sonderausgaben der Magazine und Zeitschriften mit jenen Photos, die uns heute noch anrühren. Noch ein Jahr, und es erschienen die Erinnerungen der Männer, die ihre Arbeit in seinen Dienst gestellt hatten. Sie beteuerten, ihren Helden vom Monument wieder zum Menschen machen zu wollen und waren doch zu sehr Mitspieler und Mitverschworene gewesen, um Distanz halten zu können.

„Gewiß, einer der grundlegenden Quellenbände unserer Zeit“, urteilte die New York Times seinerzeit über das Kennedybuch von Theodore C. Sorensen, des Präsidenten alter ego. Doch was damals als Pathos der Beteiligten, als menschliche Nähe gelobt oder milde getadelt wurde, stimmt heute mißtrauisch. Dieses „authentische Material“ ist kennzeichnend für Kennedy, seine Freunde, für alle, die jene Jahre miterlebt haben – doch ihr Quellenwert muß mit vielen Fragezeichen versehen werden.