Wenn Yahya Khans militärische Aktion in Ostpakistan, die noch immer jeden Tag 40 000 Flüchtlinge über die Grenze nach Indien treibt, nicht abgebrochen wird – und nichts spricht dafür –, könnte es passieren, daß sich die innerpakistanische Auseinandersetzung zu einem indisch-pakistanischen Krieg ausweitet.

Für die Inder, die ohnehin nicht wissen, wie sie mit der eigenen Bevölkerungsexplosion fertig werden sollen, ist das Problem, sechs bis sieben Millionen Flüchtlinge zusätzlich aufnehmen zu müssen, eine Zumutung, die Wogen von Zorn und Haß erzeugt und inspirierend bei der Ausbildung bengalischer Guerillas mitwirkt.

Diese Guerillas – die Mukti Fauj –, deren es bisher etwa 20 000 gibt, eine Zahl, die sich aber rasch vermehren läßt, macht den Truppen Yahya Khans durch Widerstand und Sabotageakte in zunehmendem Maße zu schaffen. Westpakistan, das sich mit Yahyas Aktion politisch, finanziell und in jeder Weise übernommen hat, ist aber gar nicht in der Lage, einen solchen Kleinkrieg über viele Monate oder gar Jahre zu führen. Daher die Sorge mancher Beobachter, die Regierung von Rawalpindi könnte die Flucht nach vorn antreten.

Beide Seiten wissen noch vom letzten Mal, der Konfrontation im September 1965, daß militärische Auseinandersetzungen sich für keinen auszahlen; aber der emotionale Druck – gespeist aus schmerzlichen Erinnerungen und entwürdigenden Assoziationen –, der auf beiden Nachbarvölkern lastet, läßt befürchten, daß von einem bestimmten Moment an rationale Argumente nichts mehr verschlagen und daß auch die Mahnungen der Großmächte keine Resonanz mehr finden.

Sowohl Washington wie Moskau würden alles tun, um einen neuen Krieg in Asien zu verhindern, dessen Auswirkung auf das weltpolitische Dreieck niemand abzuschätzen vermag. Peking steht auf Seiten Westpakistans. Moskau hat bisher sorgsam vermieden, Stellung zu beziehen, aber könnte es untätig zusehen, wenn China den Westpakistanern helfen sollte, Bangla Desh endgültig zu unterjochen? Gewiß wird auch Peking sich nicht mutwillig in eine indisch-pakistanische Auseinandersetzung einmischen, aber könnte es gegebenenfalls zulassen, daß die Inder, die in dieser Situation den Pakistanern weit überlegen sind, diese zur Kapitulation zwingen?

Eine politische Lösung ist nicht einmal am Horizont zu erblicken. Man muß sich wundern, mit welch lässigem Gleichmut die Welt abwartend und inaktiv zuschaut, wie sich in Asien ein Krisenherd erster Ordnung entwickelt. Noch nicht einmal eine einigermaßen zulängliche internationale Hilfsaktion ist organisiert worden, die wenigstens dafür sorgt, daß jene Millionen Bengalen, die heute ziellos in ihrer Heimat umherwandern – man schätzt ein Drittel der Bevölkerung – ohne Nahrung und ohne Führung, nicht auch noch nach Indien hineinströmen.

Die Zeitbombe tickt – wird irgend jemand etwas dafür tun, sie zu entschärfen? N. F.