ZDF, Sonntag, 1. August: „Angelika Urban, Verkäuferin, verlobt“, von Helma Sanders

Sie hat ein rundes Gesicht ohne Natürlichkeit, große Augen ohne Ausdruck und verkauft Schmuck von 3,95 bis 24,75 Mark im Warenhaus. Sie freut sich morgens auf den Feierabend, montags bis freitags auf das Wochenende, zwischendurch auf die Pausen: täglich eine à zwanzig und eine à vierzig Minuten; Hände waschen, nach Essen anstehen, Haare richten – alles inklusive. Das tägliche Berufseinerlei ist entnervend (ich verkaufe nur), aber eine Frau heiratet ja doch. Sie verdient 400 Mark, viel anschaffen kann man davon nicht, aber das Vorstandsmitglied des Hauses verdient 40 000 im Monat.

Helma Sanders’ Film über Angelika Urban fand den Weg in den Kasten erst nach annähernd zwei Jahren: Längst gezeigt in Oberhausen und lange vergessen. Das bescheidene Mäntelchen aus Aktualität und Authentizität lupfte die Ansagerin gleich eingangs: Angelika Urban war in Jahresfrist verheiratet und ist heute geschieden. Etwas für eine Verkäuferin um die zwanzig ganz und gar Untypisches.

So frage ich die Verkäuferinnen zwischen Stempeluhr und Frisierspiegel („So sieht Sie der Kunde“) vergeblich nach Gemeinsamkeiten mit der Kollegin Urban. Die ist doch selber schuld. Kein Geld, aber ’ne eigene Wohnung, das muß doch schiefgehen. Und die Arbeitsbedingungen? Man kann sich doch für eine Aufgabe begeistern. Wenn man immer nur zur Uhr schielt, geht der Tag auch nicht rum. Ja, sicher, 400 Mark sind nicht viel – aber wir mußten doch alle klein anfangen. Und im Vorstand die haben auch viel Verantwortung. Inwieweit sind dann Tagesablauf und Lebensinhalt identisch mit dem der Urban? Die Freizeit ist knapp, aber es gibt doch viel mehr Möglichkeiten. Die kam wohl aus sehr einfachen Verhältnissen. Man kann doch mehr als abends nur fernsehen. Ein Buch lesen oder so, und mal ins Theater

Nein, man selbst handelt nicht so. Die Auf- und Abgeklärteren mutmaßen, daß es sicher bei den anderen überwiegend so ist wie in diesem Film. Aber viele haben ihn nicht gesehen, denn im Ersten beobachtete Gisela Reich etwas viel Interessanteres: Fernsehstars von gestern und heute – Marika Rökk bis Sacha Distel. Außerdem packten viele Kolleginnen bereits ihre Kosmetiktäschchen für den Montag. Warum im Film sich ansehen, was man in wenigen Stunden selbst erleben kann?

Ein Film, der wie dieser zwei Jahre bis zu seinen (Fernseh-) Zuschauern braucht, der von den Realitäten überholt und an jeder Stelle unverbindlich ist, muß es sich gefallen lassen, als ein nicht ganz wahrer, keinesfalls aktueller, jedenfalls aber als ein Streifen über die Angelika Urban gesehen zu werden.

Hans-Dieter Kulhay