Von Dieter Buhl

Hamburg, im August

Ein Telegramm von Hamburg in die Heimat aufzugeben, bereitete G. Ivan Rhode die bisher größte Schwierigkeit. Mit seinen geringen Deutschkenntnissen fiel es ihm schwer herauszufinden, wie und von wo er die Verwandten in Iowa über die glückliche Ankunft in der Bundesrepublik benachrichtigen konnte. Auf Mr. Rhode warten freilich noch ganz andere Probleme. Denn der 36 Jahre alte Physiker ist Teilnehmer eines außergewöhnlichen Experiments: Gemeinsam mit 45 Kollegen aus den Vereinigten Staaten wird er in den nächsten zwei Jahren an Hamburger Gymnasien unterrichten.

Die Einladung an die amerikanischen Pädagogen ist der bis jetzt spektakulärste Versuch in der Bundesrepublik, den Lehrermangel an den höheren Schulen zu überwinden. Gastarbeiter aus Amerika – und dazu noch als Lehrer? Das ist auch in einem Land, das mit ausländischen Arbeitskräften bisher so gute Erfahrungen gemacht hat wie das unsere, fast unvorstellbar. Aber die Situation an ihren Gymnasien ließ die Hamburger Politiker das Unwahrscheinliche überdenken: Im vergangenen Jahr fielen an den Gymnasien der Hansestadt zwischen vier und sechs Prozent der ohnehin schon knapp bemessenen Unterrichtsstunden für Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer aus; ein Fünftel des Mathematikunterrichts und jede vierte Biologiestünde wurde von Lehrern erteilt, die nicht für diese Fächer ausgebildet sind.

Ein "Sofortprogramm zur Behebung des Lehrermangels" sollte die Misere beseitigen. Aber eine Werbeaktion in anderen Bundesländern, bei Pensionären und Referendaren, blieb ohne durchschlagenden Erfolg. Schließlich entstand die Idee, jenseits des Atlantiks zu werben. Über ihre Urheberschaft streiten sich die Hamburger Parteien. Vieles spricht dafür, daß Peter Schulz, damals Leiter der Schulbehörde, heute Bürgermeister der Hansestadt, als erster das Experiment mit amerikanischen Lehrern erwog.

Doch wer auch immer der erste war, der in Amerika nach Hilfe ausschauen lassen wollte, fest steht, daß er sich von den vorhersehbaren Problemen nicht irritieren ließ. Es schreckte ihn weder die Tatsache, daß amerikanische Lehrer – zumindest an absoluten Zahlen gemessen – weitaus mehr verdienen als ihre deutschen Kollegen, noch die Schwierigkeiten, im riesigen Amerika die geeigneten Interessenten zu finden; ihn ängstigte weder die Vorstellung von englischsprechenden Mathematiklehrern in Hamburgs Schulen, noch die heikle Aufgabe, die Amerikaner in das hanseatische Schulsystem zu integrieren.

Bis jetzt hat sich die Lehrerwerbung im fernen Amerika als ein Erfolg erwiesen. Trotz des dezentralisierten Schulsystems in den USA konnten 500 Interessenten für einen Job in Hamburg gefunden werden. Genug, um auch noch Schleswig-Holstein, Bremen und Niedersachsen, die ebenfalls an US-Pädagogen interessiert sind, ebensen zu überlassen. Klaus Bölling, Amerika-Korrespondent der ARD mit Sitz in Washington, erwies sich bei der Aktion als ebenso versierter Berater für die Hamburger Schulbehörde wie nützlicher Informant der reisewilligen Lehrer. nützlicher hat die Stadt Hamburg in den USA 85 Mathematik- und Naturwissenschaftslehrer engagiert.