ARD, Montag, 2. August: „Sehsack“ – Kinder, die nach Starruhm streben, von Marcus Conradt, Kurt Ritig und Thomas Woitkewitsch

Sie heißen Frank und Hansi, Hubert und Lisbeth, Schorschi und Ricki; sie kommen singend eine Treppe heruntergestolpert, sitzen singend vor einer Kulissenburg mit einem Kätzchen im Arm, eilen singend auf ein altes Zitterweiblein zu, lugen singend zwischen Plastik-Sonnenblumen hervor, schreiten singend mit Mario-Lanza-Gebärden durch südliche Gefilde aus Pappe; sie singen vom lieben Mütterlein, vom Heimatglockenklang, von ihrem Kätzchen, das angeblich so gern Tango hört, und wieder vom lieben Mütterlein; sie sitzen, artig gekleidet und wohlfrisiert, auf dem Sofa, wenn der Herr vom Fernsehen Fragen stellt an die Eltern.

Nein, das Kind nimmt keinen Schaden durch Dressur und öffentliche Auftritte, im Gegenteil, „es erweitert seinen Horizont“; nein, der Junge hat sich nicht verändert, „er tollt herum mit den anderen Kindern, als ob er wäre wie jeder andere Junge auch“. Ja, die Eltern haben es sich meist etwas kosten lassen, um ihrem Kind dies alles zu „ermöglichen“, aber was nimmt man nicht alles auf sich, „in erster Linie steht ja Erfolg“.

Seit dem letzten Jahr hat der Hansi mit den Heimatglocken 40 000 Kilometer im Auto zurückgelegt – ist das kein Erfolg? Bei Schorschi und Simone mit dem Tangokätzchen wird es allerdings wohl kaum etwas werden mit diesem Erfolg, dafür geifern sich ihre lieben Mütterlein bereits heute zu kräftig an. Aber der kleine Ricki wird schon arg danebensingen müssen, um demselben zu entgehen. Mit hochgezogenen Schultern sitzt er eingeklemmt zwischen Mutter und Managerin auf dem Sofa. Er würde so gern aufs Gymnasium gehen, aber Mütterlein ist für die Realschule, denn sonst wird das alles zuviel, vielleicht schafft er’s ja auch gar nicht auf dem Gymnasium, da ist auf die Tonkunst doch mehr Verlaß. Und das hat mit seinem Singen der kleine Heintje getan. Petra Kipphoff