Von Peter Grubbe

Der westafrikanische Staat Guinea fürchtet eine neue Invasion. Die Streitkräfte des Landes wurden in Alarmbereitschaft versetzt. Gleichzeitig gehen die politischen Prozesse ohne Pause weiter. Anfang Juli wurden acht ehemalige hohe Offiziere, darunter der frühere Generalstabschef, von einem Militärgericht zum Tode verurteilt. In der vergangenen Woche begann ein „Volksprozeß“ gegen eine Reihe angeblicher Hochverräter.

Das Mißtrauen Sekou Tourés, des 49jährigen Staatspräsidenten, fordert immer neue Opfer. Die Hauptstadt Conakry, von Ängsten und Gerüchten wie von Fieberträumen geschüttelt, ist eine einsame Stadt geworden. Früher gab es kaum einen Journalisten, der auf einer Afrikareise nicht in Conakry Station machte, obwohl Guinea mit knapp vier Millionen Einwohnern auf; einem Gebiet von kaum der Größe der Bundesrepublik zu den kleinsten Staaten des Schwarzen Kontinents gehört. Aber sein Präsident Sekou Touré, den seine Landsleute fast zärtlich bewundernd „Silli“, den großen Elefanten, nannten, war eine der historischen Persönlichkeiten des jungen Afrika.

Als de Gaulle 1958 das französische Kolonialreich im Schwarzen Kontinent durch Bildung einer „communaute française“ zu retten versuchte, erteilte ihm von den 18 befragten Territorien, nur Guinea eine Absage. Sekou Touré, seit 1957 Vizepräsident und damit praktisch Regierungschef in seinem Land, erklärte: „Wir ziehen die Armut in Freiheit einem Wohlstand in Fesseln vor.“

Frankreichs Rache war fürchterlich. Kein Arzt, kein Lehrer, kein Bleistift, kein Telephon blieb in dem „abtrünnigen“ Land. Trotz finanzieller Unterstützung zuerst aus Ghana von Nkrumah und später aus Moskau geriet das Land wirtschaftlich an den Rand einer Katastrophe. Aber politisch war Guineas „Non“ das Todesurteil für die französische communaute. Auch die übrigen französischen Kolonien lösten sich vom Mutterland. Sekou Touré hatte ihnen den Weg gewiesen. Darin lag seine historische Bedeutung.

Der hochgewachsene Afrikaner mit den aufmerksamen, großen Augen und dem kurz geschnittenen schwarzen Haar ist aber auch persönlich ein ungewöhnlicher und faszinierender Mann. Wenn er den Eindruck hatte, daß sein Gesprächspartner seine Vorstellungen von der afrikanischen Emanzipation teilte oder wenigstens verstand, diskutierte er die halbe Nacht hindurch, umgeben von Freunden, bei grünem Tee, den die attraktiven Sekretärinnen der Présidence servierten, über die kubanische Revolution oder die Thesen europäischer Soziologen, über den Krieg in Vietnam, die Auseinandersetzung mit Portugal und Südafrika und vor allem über die afrikanische Revolution.

Sekou Touré spricht fließend Französisch. Und er vertritt seine Thesen nicht nur mit Leidenschaft und Charme, sondern seine Argumente verraten auch eine umfangreiche Bildung, jedenfalls auf politischem Gebiet. Dabei hat er weder eine europäische Universität besucht wie die reichen Häuptlingssöhne unter seinen Kollegen, noch eine jener Kolonialhochschulen, auf denen Frankreich seine schwarze Elite heranbilden ließ. Sein Vater war ein einfacher Bauer im Nigertal. Er selbst wurde mit 15 Jahren wegen Inszenierung eines Hungerstreiks von der Schule gewiesen. Darauf belegte er Fernkurse und las Lexika, wie andere Kriminalromane lesen. Auf Grund dieser selbst erworbenen Bildung fand er, ähnlich wie Lumumba, eine Anstellung bei der Post. Dort kam er in Verbindung mit den Gewerkschaften. Und über sie begann er seine politische Karriere.