Von Joachim Schwelien

Washington, im August

Gefreiter Peter Lemon von der Ersten Luftkavallerie-Division feuerte mit seinem Schnellfeuergewehr auf den Vietcong, bis er Ladehemmungen hatte. Dann warf er Handgranaten, stürzte sich, bereits verwundet, in den Nahkampf, trug einen schwerverletzten Kameraden zum Verbandsplatz, eilte zu seinem Gefechtsposten zurück und kämpfte weiter, bis er vor Erschöpfung und geschwächt vom Blutverlust zusammenbrach. Ein Jahr danach nahm er im Weißen Haus aus der Hand seines obersten Befehlshabers, des Präsidenten Richard Nixon, die „Medal of Honor“, die höchste amerikanische Kriegsauszeichnung, entgegen. Peter Lemon wurde gleichzeitig zum Unteroffizier befördert und von Nixon als einer jener beispielhaften jungen Männer gepriesen, die Amerikas beste Tradition hoch- und lebendig halten.

Eine Woche nach dieser Zeremonie gab Peter Lemon, 21 Jahre alt, einer Zeitung ein Interview. Darin bekannte er, an dem Tag, als er den Angriff des Vietcong auf seine Stellung abschlug, habe er sich in einem Marihuanarausch befunden. Er habe die Nacht davor mit seinen Kameraden gefeiert und „pot“ geraucht.

Ob der junge Mann noch jemals eine Einladung ins Weiße Haus erhält, ist höchst unwahrscheinlich. Sehr viel sicherer ist dagegen, daß sein Verhalten durchaus keine Ausnahme und die Ordensverleihung an ihn keinen Mißgriff darstellt. Auch die Helden unter Amerikas Soldaten haben sich gewandelt. Schwerfällig wie alle Bürokratien hat das die Führung der amerikanischen Streitkräfte nach und nach begriffen. Sie handelt nach dieser Erkenntnis und bemüht.sich um eine Reform in den Streitkräften, die jedoch bei den verschiedenen Waffengattungen sehr unterschiedlich ist. Mit veränderten Methoden bei der Ausbildung und der Rekrutenwerbung soll die Unlust am Waffendienst überwunden werden, die im Gefolge des Vietnamkrieges bei der Mehrheit der jungen Amerikaner grassiert.

Bei der Truppe in Vietnam haben das Aufbegehren gegen den Waffendienst und die Disziplinlosigkeit die krassesten Formen angenommen. Der amerikanische Soldat wird gegenwärtig oft nach jenen Bildern beurteilt, auf denen langhaarige, langbärtige und mit Friedenssymbolen geschmückte GIs zu sehen sind, die ihren Vorgesetzten nicht gehorchen oder ihr Mißvergnügen am Einsatz in Vietnam schildern. Hinzu kommen die täglichen Meldungen über die wachsende Zahl der Rauschgiftsüchtigen unter den Soldaten. Im Offizierskorps haben die Prozesse um das Massaker von My Lai und Strafverfahren gegen einige Generale wie auch der ganze wachsende Widerstand in der Heimat gegen den Krieg eine moralische Krise ausgelöst. Unter diesen Umständen täte den amerikanischen Streitkräften eine Periode innerer Gesundung sehr gut. Doch Reformen lassen sich unter Friedensbedingungen leichter verwirklichen. Darum sind die politische und die militärische Führung der US-Streitkräfte, die Stabschefs und der Verteidigungsminister im Pentagon, ziemlich übereinstimmend daran interessiert, die amerikanischen Truppen so schnell wie möglich aus Vietnam abzuziehen.

Der Zustand der Kampftruppe in Vietnam kann aber nicht allein zum Maßstab für die Beschaffenheit der gesamten Streitkräfte genommen werden. Die in der Fronttruppe dienenden Soldaten sind zu achtzig Prozent Wehrpflichtige; im amerikanischen Heer dagegen beträgt der Anteil der Eingezogenen nur rund 30 bis 40 Prozent; die Marineinfanterie, Marine und die Luftwaffe setzen sich schon heute fast ausschließlich aus Berufssoldaten zusammen. Der Soldat in den Reisfeldern und Dschungeln Vietnams, zumeist ein junger Mann um die 20, hat zwei Jahre Dienstzeit zu leisten und verbringt davon meistens ein Jahr in Vietnam; er trägt die Last und die Risiken des Kampfes; er ist das amerikanische Gegenstück des deutschen „Landser“ und nennt sich „grünt“; wer wollte ihm verübeln, wenn er murrt und schimpft und sich einen Ausweg sucht, der dann oft im Griff nach Haschisch oder verhängnisvolleren Putschmitteln besteht. Als Angehöriger der jungen Generation trägt er deren Zweifel am Sinn des Vietnamkrieges und dem Nutzen seines Einsatzes mit sich herum; oft ringt er mit den gleichen Problemen, die heute Amerika als Nation erschüttern. Gemessen an diesen Umständen aber ist der amerikanische Frontsoldat in Vietnam, von einigen Ausnahmen abgesehen, ein tüchtiger, disziplinierter und verläßlicher Kämpfer geblieben. Ihm wurden Zugeständnisse gemacht, die früher undenkbar gewesen wären; er darf lange Haare tragen und die Befehle lasch ausführen. Dennoch: Der „Hippie in Uniform“ wäre aber jeder Aufgabe in einem Krieg gewachsen, dessen nationale Notwendigkeit er einsieht.