Von Rolf Zundel

Bonn, im August

Vor zwei Monaten noch wurde Helmut Kohl in Bonn fast mitleidig betrachtet. Als ernsthafter Kandidat für das Amt des Parteivorsitzenden der CDU war er so gut wie abgeschrieben; Barzel schien sich mit seinem Konzept „Alle Ämter in einer Hand“ durchgesetzt zu haben; und für Kohl, so hatte es den Anschein, ging es allenfalls noch darum, das Ausmaß der Niederlage auf dem Parteitag in Saarbrücken in erträglichen Grenzen zu halten. Viele Bonner waren sich einig: Kohl, der Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, sei im großen politischen Spiel eben doch noch zu unbeholfen, ein großer Mann – aber nur in der Provinz.

Inzwischen hat sich die Situation ziemlich verändert. Schröder, der eine Zeitlang wohl selber mit dem Gedanken gespielt hatte, in Saarbrücken für den Parteivorsitz zu kandidieren, erklärte, Kohl sei nach seiner Meinung für dieses Amt hervorragend geeignet; Kiesinger teilte mit, er wolle sich nicht noch einmal für den Parteivorsitz bewerben, und der Altkanzler wie der CDU-Generalsekretär Heck machten deutlich, daß sie mit Barzels Konzept nicht einverstanden seien. Das Rennen ist wieder offen; Kohl hat aufgeholt.

Während Rainer Barzel sich unter spanischer Sonne erholt, um für die Stürme im Herbst gewappnet zu sein, nützt Kohl, der in seiner Heimatstadt Ludwigshafen Ferien macht und Interview-Wünschen nicht aus dem Wege geht, die Gelegenheit, um sich in Erinnerung zu bringen. Er will denen, die ihn schon unter „ferner liefen“ eingeordnet haben, zeigen, daß mit ihm noch zu rechnen ist.

Rainer Barzel hat zwar in der ersten Runde einen beträchtlichen Vorsprung herausgeholt, aber das erschüttert Kohls Selbstbewußtsein überhaupt nicht: „Die eigentliche Diskussion findet erst in den nächsten Wochen, statt“, prophezeit er, seine 1,90 Meter Körpergröße locker in einem der riesigen Ledersessel seines Arbeitszimmers verstaut, in denen normal gewachsene Menschen bis zu den Ohren verschwinden. „Und, wenn ich es recht sehe“, so meint er, „gibt es einen nicht zu übersehenden Trend in Richtung Ämter-, trennung.“

„Es stehen jetzt zwei Konzepte zur Diskussion“, erläutert er, „das der Ämtertrennung und das Rainer Barzels, der drei Ämter in einer Hand vereinen will, nämlich das Amt des Fraktionsvorsitzenden, des Parteivorsitzenden und des Kanzlerkandidaten. Ich glaube schlicht und einfach nicht, daß es möglich ist, sich mit der notwendigen Intensität der Parteiarbeit zu widmen, wenn jemand alle drei Ämter wahrnehmen muß, zumal die Interessenlage bei diesen drei Ämtern zum Teil verschieden ist. Der Parteivorsitzende muß, wegen seiner Aufgabe der Integration, eine Fülle von Terminen außerhalb Bonns wahrnehmen, die Tätigkeit des Fraktionsvorsitzenden spielt sich sehr stark im Bundeshaus ab; er muß in Bonn präsent sein.“