Zum erstenmal seit 77 Jahren droht den USA jetzt ein übel, das manchem europäischen Staat nur zu vertraut ist: ein Defizit der Handelsbilanz. Seit 1894 haben die Vereinigten Staaten jedes Jahr mehr Güter exportiert als eingeführt. 1971 wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit die Umkehr bringen: Seit April weist die amerikanische Handelsbilanz rote Zahlen auf – und zwar von Monat zu Monat mehr. Bis Juni betrug das Defizit bereits über 370 Millionen Dollar (in den ersten sechs Monaten 1970 war ein Überschuß von mehr als 1,5 Milliarden Mark erzielt worden).

In Washington wird diese Entwicklung als alarmierend empfunden. Die USA hatten sich zwar daran gewöhnt, daß sie Devisen verlieren. Die hohen Zahlungen für Militär- und Entwicklungshilfe, für Auslandreisen und Investitionen in anderen Ländern, später dann vor allem die Devisenkosten des Vietnamkrieges haben dazu geführt, daß seit 1957 der Saldo der Zahlungsbilanz stets negativ war. Aber bisher haben Exportüberschüsse in Milliardenhöhe doch immerhin einen gewissen Ausgleich gebracht. Nun aber wird 1971 auch die Handelsbilanz passiv...

Der Goldbestand der USA ist auf einen neuen Nachkriegstiefstand von 10,5 Milliarden Dollar gesunken. Wenn ein Land, Frankreich etwa, von dem ihm zustehenden Recht Gebrauch machen und in größerer Menge Dollar zum Umtausch in Gold präsentieren würde, könnte der Schatz von Fort Knox schnell unter zehn Milliarden sinken. Nach Ansicht vieler würde dann ein „Sturmlauf der Gläubiger“ einsetzen – die USA haben mehr als 40 Milliarden Dollar kurzfristig einlösbare Verpflichtungen gegenüber dem Ausland. Washington wäre dann gezwungen, den Goldverkauf einzustellen und damit praktisch seine Zahlungsunfähigkeit zu erklären: –

Eine solche Dollarkrise kann auf die Dauer nur vermieden werden, wenn die amerikanische Industrie ihren Wettbewerbsvorsprung zurückgewinnt. Die Aussichten dafür aber sind gegenwärtig nicht groß. In der Stahlindustrie etwa ist vor wenigen Tagen eine Tariferhöhung von 30 Prozent für drei Jahre vereinbart worden – wobei die Steigerung der Lebenshaltungskosten noch zusätzlich ausgeglichen werden soll.

Die Teuerung (gegenwärtig bei etwa sieben Prozent im Jahresvergleich) wird durch eine derartige Lohnexplosion weiter angeheizt. Folgerichtig will die Stahlindustrie ihren Einfluß nutzen, um Importbeschränkungen durchzusetzen – sie möchte nicht die Kunden im eigenen Land an ausländische Konkurrenten verlieren, die billiger liefern. So wird aus der amerikanischen Malaise ein weltweites Problem.

Wilbur Mills, der Vorkämpfer des Protektionismus, hat inzwischen vorgeschlagen, alle Importe mit einer drastischen Sondersteuer zu belegen und die Ausfuhren zu subventionieren. Wenn die USA im Herbst solche oder andere Wege zur Manipulation des Außenhandels beschreiten sollten, wären Gegenmaßnahmen der EWG und anderer Länder mit Sicherheit zu erwarten. Dann hätten wir, was gewiß alle vermeiden wollen: zur Unruhe an den internationalen Devisenmärkten auch noch einen neuen Handelskrieg in der westlichen Welt. Diether Stolze