Wir werden noch einige Jahre brauchen“, prophezeit Dr. Rolf Andresen (Münster), Sportwart des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), fragt man ihn, wann die bundesrepublikanischen Netzhüpfer den Anschluß an die Weltelite schaffen werden. Der östliche Bruder versetzt mittlerweile nach einer wahren Parforce-Jagd die Spitzen-Teams in Angst und Schrecken: Die – mit einer Ausnahme – als DDR-Nationalmannschaft auflaufende Truppe des SC Leipzig stieß nicht nur innerhalb weniger Jahre in den Kreis der Elite vor, sondern fegte bei den letzten Welttitelkämpfen in Sofia bis auf die Japaner sogar alles vom Platz. Ihr von den Experten bereits abgeschriebener Kraft-aufden-Platz-Stil feierte wahre Triumphe; der Deutschen zweite Garnitur, die Sporthilfe-Amateure aus München und Münster, blieb indes schon in der Qualifikation hängen. Solcherlei Abschneiden bestätigte erneut ihre internationale Einstufung: „Zweitrangig“ ist derzeit eine noch durchaus positive Klassifizierung.

Kurz nach dieser Weltmeisterschaft stand die DVV-Auswahl dann plötzlich ohne Trainer da, nachdem der als „Berater“ fungierende ČSSR-Star-Coach Dr. Mirko Rovny im September 1970 in seine Heimat zurückbeordert wurde. Dr. Rovny, der – offiziell als Gastdozent für Volleyball am Sportinstitut der Universität Münster engagiert – sich unvermittelt auf den Sessel des Bundestrainers gehievt sah, hatte vergebliche Versuche unternommen, von der Sportbehörde in Prag eine Verlängerung der Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zu erwirken. Auch die Interventionen Dr. Andresens und des DVV-Präsidenten Esslinger waren erfolglos geblieben. Da zum gleichen Zeitpunkt auch Rovny-Mitarbeiter Stolarik, der mit den Münchener Volleyball-Löwen den anderen Teil des Nationalkaders betreute, von Pragosport nach Hause zitiert wurde, sahen die DVV-Verantwortlichen ihre Aufbauarbeit für München 72 plötzlich gefährdet.

„Nochmals einen Trainer aus dem Ostblock zu verpflichten“, sinnierte Dr. Andresen, der auf diesem Gebiet als Coach des siebenfachen Deutschen Meisters USC Münster selbst erfolgreich arbeitete, „das ist uns nach diesen Erfahrungen nun zu riskant – und sei er noch so gut. Nach zwei Jahren wird er wieder zurück müssen, und wir hätten erneut von vorn begonnen.“

Da blieben halt die Japaner, lange Zeit Lehrmeister auf allen internationalen Spielfeldern. Sie offerierten Akiro Kato, der in kurzer Zeit aus der Volleyball-Wüste Peru eine wahre Talent-Oase gemacht hatte: Sein Frauenteam landete beiden Olympischen Spielen von Mexiko als krasser Außenseiter auf Platz vier und schlitterte nur knapp am Gewinn der Bronzemedaille vorbei. Das stärkte den Ruf des drahtigen Asiaten als „Erfolgstrainer“, und in der Hoffnung, seine Mission zwischen Elbe und Isar werde bald eben solchen Erfolg bringen wie die in den Anden, griffen die DVV-Gewaltigen zu.

Anfang des Jahres trat Kato sein Amt an, und schon seine ersten Töne machten deutlich, welch scharfer Wind nun durch die Reihen des Nationalkaders fegen würde: Täglich mehrstündiges Training, zahlreiche Lehrgänge und viele Länderspiele als echte Härtetests. Damit noch lag Kato auf der Linie, die das Duo Rovny/Stolarik vorgezeichnet hatte. Doch dann kam der Bruch. Der neue Coach tat kund, er setze für die Zukunft auf die Jugend. Und prompt sahen sich Rekordnationalspieler Karl Herzog, (108 Länderspiele) und Uwe Zitranski (85), beide vom USC Münster, aus dem Kreis der Berufenen verbannt. Mit 30 beziehungsweise 29 Jahren erschienen sie Kato zu alt. Daß sie bis dahin zu den Schaltstationen des freilich international bedeutungslosen Nationalteams gehörten, kümmerte den Japaner nicht, und auch der Vorwurf, mit Herzog den erfahrensten Spieler und Kopf der Mannschaft allein wegen seines Alters abserviert zu haben, ließ Kato kalt. Dafür nahm er mit dem 1,99 Meter großen Abiturienten Paul-Georg Brisken und dem 22jährigen Studenten Hans-Georg von der Ohe und Rüdiger Hild drei talentierte Vereinskameraden der beiden Senioren ins Aufgebot, die lange Zeit deutlich in deren Schatten gestanden hatten. Mit Hans-Ullrich Grasshoff (USC Münster) und Elk-Eberhard Pfau (München 1860) sind die beiden ältesten Spieler des Kato-Kaders jetzt 28 Jahre alt. Mit ihnen, der durch Hatto Nolte, Drews und Hermann vervollständigten Münsterschen Garde mit den Hamburgern Thiel und Meetz, dem Gießener Paulus, sowie den Münchenern Rimrod, Endrich und Buschle steht das Aufgebot, das der Jungmacher aus Japan durchs olympische Fegefeuer auf den sechsten Platz scheuchen will.

Den Alten – abschwören will freilich Katos Co-Trainer Manfred Kindermann zumindest in seinem Verantwortungsbereich nicht. Der 31 jährige Studienrat aus Münster, im vergangenen Jahr, noch Mitglied der USC-Meistermannschaft und seit sechs Monaten als Nachfolger Dr. Andresens ihr Trainer, mag die Radikal-Verjüngungskur in seiner (Vereins-)Mannschaft nicht mitmachen. „Beim USC Münster sind Herzog und Zitranski weiterhin erste Wahl“, ließ der frühere Mitstreiter der Geschaßten verlauten. So ‚sah es zunächst danach aus, als müßten Brisken, von der Ohe und Hild härter um den Platz in ihrer Vereinsmannschaft kämpfen denn um den im Nationalteam. Doch Karl Herzog, den Volleyballspielern fast ein Symbol wie Uwe Seeler der bundesrepublikanischen Kicker-Anhängerschar, hat nach dem „letzten. Bonbon, das uns den Abschied versüßen sollte“ (so Uwe Zitranski über die jüngst sieglos beendete Südostasien-Reise), durch einen eindeutigen Entschluß Kato und Kindermann wenigstens in seinem Fall aus der Klemme geholfen: „Ich werde nun kürzer treten und nur noch in der zweiten Mannschaft des USC spielen. Nach München komme ich ohnehin nicht – warum soll ich mich dann noch über Gebühr schinden?“

Bernd Dassel