Dom Helder Camara ist jener brasilianische Erzbischof, der in seiner Heimat auf der Seite der Armen und Unterdrückten steht. Eine Haltung, die dortzulande viel Mut verlangt. Denn die Reichen und die Mächtigen zürnen ihm natürlich und verlangen, daß er schweige. Dasselbe hat aber auch die Schweiz von ihm verlangt. Besser gesagt: Kaum hatte der Erzbischof, der in Zürich öffentlich zu Worte gekommen war, die Schweiz verlassen, begannen Beamte des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements mit der Untersuchung, ob es denn wirklich wahr sei, daß er gegen eine bestimmte schweizerische Regierungsvorschrift verstoßen habe.

Ja, es ist wahr. Dom Helder Camara hat verstoßen. Der fromme, tapfere Mann hat wirklich den Schweizern mahnende Worte zugerufen, die nach Zeitungsberichten so lauteten: „Auch Sie werden letzten Endes Ihre wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Strukturen ändern müssen! Ob er sich, wie ebenfalls berichtet. wurde, auch kritisch über das Verhalten der schweizerischen Industrie und des Bankwesens geäußert hat, wird gleicherweise zu prüfen sein.

Vermutlich sind dem Erzbischof, der inzwischen, in-.sein von Krisen erschüttertes Land – zurückgekehrt ist, die Berichte, ziemlich gleichgültig, nach denen die Behörde der vergleichsweise idyllischen Schweiz feststellt, er habe sich falsch verhalten Wir hingegen, die wir den Schweizern schon geographisch nahestehen, fragen uns interessiert: Was ist da eigentlich los?

Weber nichts als eine Vorschrift, die besagt, daß ausländische Redner sich nicht zu innenpolitischen-Angelegenheiten äußern dürfen: sie ist los. sie ist virulent geworden. Diese Schweizer Vorschrift, so erfährt man, existiert schon seit beinahe einem Vierteljahrhundert. Praktisch, nicht wahr?

Seit ich erfuhr, welche Sorgen und welchen Ärger nachträglich noch der kämpferische Kirchenfürst den friedlichen Eidgenossen macht, leistete ich dem Beispiel der Behörde von Bern Folge und prüfte, wenn natürlich auch nur mit privaten, also schwachen Kräften, ob etwa die Zeitungen der Schweiz ebenfalls gut schweizerisch seien. Danach müßten beispielsweise die deutschsprachigen Blätter wie die „Neue Zürcher“ oder die „Weltwoche“, die in Westdeutschland obendrein noch Wertschätzung genießen, wenigstens in jenen an Zahl nicht knappen Exemplaren, welche in die Bundesrepublik eindringen, sich jeglicher Kritik an unseren innenpolitischen Angelegenheiten enthalten. Aber was fand ich? Obwohl diese Zeitungen und Wochenblätter im Glashaus sitzen, werfen, sie feste mit Kritik, gegen die innerdeutsche Sache.

Und das ist auch ganz gut so: Wer dieser meiner Meinung ist, sollte allerdings mit mir fragen, ob denn die Zeitungen und Wochenblätter und Sender der Schweiz aus Anlaß des so anrüchig gewordenen Besuches von Dom Heller Camara auch alles tun, um den Behörden in Bern klarzumachen, daß jene Verordnung zwar national praktisch, aber international anstößig ist.

Anderenfalls kann zur allgemeinen Warnung nur die Lektüre von Karl May empfohlen werden. Sein Held ritt in ein fremdes und exotisches Land, wo auch gleich ein Einheimischer stand und sagte: „Gib her dein Pferd! Und her mit der Donnerbüchse! Denn nach unseren Gesetzen gehören alle Sachen, die ein Auswärtiger mitbringt, uns!“ Der Reiter aber, nicht faul, erwiderte, daß nach den Gesetzen seines eigenen Landes alle Sachen der Einheimischen dem gehören sollten, der dort einritte.

Na, da war der andere erst einmal still. Und später haben sie dann sogar Freundschaft geschlossen auf der Basis, daß jeder auf sein Vorrecht verzichtete.