Die „Neun Thesen gegen den Mißbrauch der Demokratie“ waren noch nicht veröffentlicht, da wurden sie schon pauschal und schnell auf die Müllhalde der Reaktion gekehrt. Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken hatte sich, so schien es, mit dem Thesenpapier in die politischen Nesseln gesetzt. Von Bremsern war die Rede, von Abwieglern der Demokratie, die eine autoritäre Gesellschaft krampfhaft verteidigten.

In den Thesen ist von „pseudoreligiös übersteigertem Demokratismus“ die Rede, der den demokratischen Staat mitsamt seinen politischen Freiheiten zugrunde“ richte; da wird die „ebenso utopische wie falsche Vorstellung, daß durch die Organisierung absoluter Gleichheit“ in allen gesellschaftlichen Bereichen ein Zustand vollkommener Freiheit für alle zu erreichen sei, verworfen; da werden die Grenzen der Demokratie dort abgesteckt, wo die „nicht-politischen“ Bereiche der Gesellschaft beginnen. Mißverständnisse können nicht ausbleiben, wo man „geschichtlich gewordene Ungleichheiten“ nicht „völlig aus der Welt schaffen“ will. Der Aufschrei wird nicht ausbleiben. Er wird gewiß am lautesten sein bei dem Satz: „Die Demokratie-Ideologen bilden für den demokratischen Staat eine größere Gefahr als seine offenen Feinde. Denn diese sind an der Verneinung der Demokratie sofort erkenntlich.“

Sprachlich sind die Thesen stellenweise unglücklich gestaltet. Die Schlüsselfragen sind zumeist in Nebensätzen versteckt. Im Tenor überwiegt der warnende Ton. Die Furcht vor einem demokratischen Dammbruch in die geschlossenen Reihen der kirchlichen Hierarchie ist unverkennbar, der Wunsch nach politischen Freiräumen nicht zu überhören. Daraus jedoch läßt sich kein Nein zur Demokratie konstruieren, auch wenn der gemeinsame Nenner ungeklärt bleibt. Aber die Demokratie ist nun einmal keine Utopie, in der alles aufgeht. S.B.