Die Glasgower Werftarbeiter stemmen sich gegen den Tod ihrer Firma

Von Karl-Heinz Wocker

London, im August

Ohne das moralische Gewicht des Premierministers mußte die britische Segelequipe am Montag um den „Admiral’s Cup“ kämpfen. Edward Heath hatte es für ratsam gehalten, nicht elegant die Wellen zu durchpflügen, während den schottischen Werften am Fluß Clyde das Wasser am Halse steht. So saß er wettergebräunt und schweigsam im Unterhaus, und man sah ihm an, daß er in Gedanken auf seiner Jacht „Morgenwolke“ das Ruder hielt. Wenn ihn etwas bei seinen Träumereien störte, dann war es wahrscheinlich die Staubwolke, die am Samstagnachmittag aus den Fenstern, des Luxusapartments im achten Stock eines Hauses in Fulham gedrungen war. Dort war die Wohnung des Industrieministers. John Davies demoliert worden, und eine Nachbarin mußte ins Krankenhaus eingeliefert werden. Der Minister selbst war in seinem Wahlkreis im fernen Cheshire gewesen. Nach London geeilt, konstatierte er pokergesichtig, sein Weinvorrat sei unbeschädigt geblieben. Leibwächter wurden auf die wichtigsten Minister des Kabinetts verteilt, und der Experte von Scotland Yard für die Aktivitäten der „Angry Brigade“, ein Mann namens „Commander X“, gab der Öffentlichkeit neue Rätsel über seine Identität auf. Die „Wütende Brigade“ hatte in einem Anruf bei der „Evening News“ den Anschlag für sich in Anspruch genommen.

Der Zusammenhang zwischen den Vorgängen in Glasgow und der Tätigkeit von John Davies liegt auf der Hand, auch wenn er vorerst unbeweisbar bleibt. Als Arbeitsminister Robert Carr sein umstrittenes Gesetz zur Gewerkschaftsreform und zur Streikeindämmung im Parlament einbrachte, explodierten Bomben vor seiner Wohnung, und auch damals brüstete sich die „Angry Brigade“ der Untat. Das Paradoxe ist diesmal, daß man sich sehr gut vorstellen kann, wie John Davies als Anführer einer ziemlich wütenden Riege von Industriellen in Downing Street Lärm schlüge – wäre er noch wie früher Chef des Unternehmensverbandes und wäre es eine Labourregierung, die die Werften an der Clydemündung schließen wollte. So aber liegt der Fall umgekehrt: John Davies hat im Unterhaus den Stab über „Upper Clyde Shipbuilders“ gebrochen. Die Tory-Regierung behandelt unrentable Firmen nach dem Grundsatz, was falle, das müsse man auch noch stoßen.

Explosion an der Clyde

Bei fast 800 000 Arbeitslosen in Großbritannien wirkte diese kalte Londoner Zweckentscheidung über die Glasgower Verkäufe wie eine Bombe; mit ihr verglichen war der Zündsatz in Fulham eine Platzpatrone. Die Zahl der Unbeschäftigten liegt in Schottland weit über dem Landesdurchschnitt, und es bedurfte nur der ministeriellen Ankündigung, um an der Clyde die Explosion auszulösen. Die Arbeiter der vier betroffenen Werften weigerten sich, die Schließung zu akzeptieren. Betriebsversammlungen beschlossen, die Arbeit fortzuführen und die Firmen in eigener Regie zu übernehmen. Aufträge sind vorhanden; woran es mangelt, ist flüssiges Kapital. Die Schere zwischen ständigen Verbindlichkeiten (Lieferungen und Löhnen) und späterer Bezahlung nach Stapellauf war nicht mehr zu schließen. Die Labourregierung hatte zugeschossen, die Tories aber wollten schlechtem Geld kein Gutes nachwerfen. Für sie sind „Upper Clyde Shipbuilders“ eine vom Technologieminister Benn (Labour) gezeugte Mißbildung aus mehreren nicht lebensfähigen Einzelwesen. „Sie sind der böse Dämon der Clydemündung“ titulierte John Davies den sozialistischen Exlord, der sich revanchierte, indem er die Regierung beschuldigte, ein Katastrophengebiet zu schaffen. Es war eine jener hitzigen Sitzungen, die das Unterhaus an den letzten Tagen vor den Ferien liebt wie das Opernpublikum eine Stretta vor dem Fallen des Vorhangs.