Im wunderschönen Innenhof des berühmten Tübinger Stifts Hölderlin, Hegel, Schelling, Zeit, erinnert sich gewiß – tönt zu Sommertage, gegen Mitternacht dieser herrlichen Sommertage, die große Giebelglocke: Der Große Makabre, trunken oben an eine Leiter gelehnt, wacht auf. Fast hätte er den Untergang Breughellands verschlafen. einem dem Vernichtungswerk sitzen und auf einem Balustradenbalkon der Philosoph und der Säufer, darüber nachsinnend, ob sie dem tot sind oder nicht; dann singen sie, nach dem letzten Schluck seinem das schöne alte Kinderlied von Gott mit seinem Lockenköpfchen, auf das Gottes Ringelsöckchen so anmutig reimt.

Zwei Stunden vorher, unten im Stiftsgarten am Neckar, hatte die Liebende für dem schönen Busen sich beklagt, keinen Ort für die Liebe zu finden, und der kugelige Säufer, vom Großen Makabren aus dem Apfelbaum heraus mit Steinen beworfen, hatte das schöne Lied gesungen: Wer alleine tanzt, bleibt im Gleichgewicht und sündigt nicht. Ein Stündchen später waren die keifenden und sehr unzüchtigen Schreie der Frau des armen Philosophen durch den alten Wirtschaftsgarten des Stifts gegellt, aber dann war der Große Makabre gekommen, hatte es der alten Vettel noch einmal aufs derbste gegeben und sie dann totgebissen. Und dann eben der herrliche Innenhof, mit einer Akustik, in der eine Bachmelodie auf dem Cello samten und groß und süß wie die Nacht selber klingt.

Das Tübinger Zimmertheater hatte die Erlaubnis erhalten, Salvatore Poddines und Axel Polggstedts außerordentlich geglückte und faszinierende Produktion von Ghelderodes "Ballade vom Großen Makabren" auf mehreren freien Schauplätzen des Stifts eine Sommerwoche lang zu spielen. Ein so schönes Sommernachtspektakel hat es lange nicht gegeben.

Rolf Vollmann