Befindet sich unsere Gesellschaft in der Auflösung?

Von Marion Gräfin Dönhoff

Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht irgendein Ereignis gemeldet wird, das anscheinend Krankheitssymptome der Gesellschaft aufdeckt: Vor 14 Tagen war es die Großrazzia nach Mitgliedern einer bis zum Schwerverbrechen verschworenen linken politischen Gruppe. In der letzten Woche ging es darum, daß eine Fernsehanstalt und verschiedene Zeitungen, die den Rechten nahestehen, geheime Dokumente auf dunkle Weise an sich gebracht und dann veröffentlicht haben, um, wie sie scheinheilig angaben, das Publikum zu informieren, in Wahrheit aber wohl mehr, um der Regierungspartei zu schaden; wobei es ihnen ganz gleichgültig zu sein scheint, wer dabei sonst noch Schaden nimmt: die Interessen der Berliner, der Bundesrepublik, der Allianzpartner.

Man liest, daß die Zahl der Wehrdienstverweigerer auf fünf Prozent der Wehrpflichtigen angestiegen ist, daß an vielen Universitäten der kommunistische Spartakusbund rasant vordringt; daß die Selbstverwaltungsorgane der Studentenschaft – AStA und Studentenparlament – infolge allgemeiner Passivität in die Hand linksradikaler Gruppen geraten; daß immer wieder Anschläge auf öffentliche Verkehrsmittel, auf Altersheime und andere schonungswürdige Institutionen verübt werden. Und schließlich ist sehr deutlich; daß allenthalben die Kritik an der demokratisch-pluralistischen Gesellschaft und am kapitalistischen Wirtschaftssystem wächst. Deutet dies alles auf eine ernsthafte und nachhaltige Zersetzung und Auflösung unserer Gesellschaft hin?

Es gibt Fragen, deren Beantwortung, je nach der Perspektive, aus der sie anvisiert werden, ganz verschieden ausfällt. Zur Verdeutlichung: Wenn man von Europa kommt, ist man überzeugt, in Istanbul dem Orient zu begegnen, besucht man die Stadt am Bosporus auf der Heimreise von Ostasien, ist man dagegen erstaunt, wie europäisch sie wirkt.

Auf unsere Frage angewandt heißt dies: Vom Standpunkt einer bürgerlichen Norm, wie sie lange Zeit galt, gibt das, was heute geschieht, zu außerordentlicher Besorgnis Anlaß. Aber ist die vergangene Ordnung wirklich das adäquate Bezugssystem, an dem das Heute gemessen werden sollte und zu dem es unter allen Umständen zurückzukehren gilt? Dies scheint mehr als fraglich. Viel wahrscheinlicher ist, daß, wer aus dem Jahr 2000 auf unsere Epoche zurückblickt, feststellen wird, dies war die größte – unblutige – Revolution des 20. Jahrhunderts, in ihrer alle Bereiche des Lebens umfassenden Bedeutung der Französischen Revolution durchaus vergleichbar.

Inwiefern Revolution? Insofern, als die Grundanschauung des Menschen von sich selbst, vom Verhältnis der Geschlechter zueinander, von Familie, Gesellschaft, Kirche und Staat von Grund auf verändert worden sind, verändert in einem sehr elementaren Prozeß.