D. M., Moskau, im August

Der Sieg des sudanesischen Staatschefs Numeiri über die putschenden Offiziere und ihre kommunistischen Gefolgsleute bedeutet nach der Ansicht der Sowjets einen empfindlichen Rückschlag für die arabisch-sowjetischen Beziehungen. Die Auseinandersetzungen im Sudan ereigneten sich in einem Augenblick, als der Kreml dabei war, eine gründliche Neubewertung seiner Nahostpolitik vorzunehmen. In Moskau halten es diplomatische Beobachter deshalb für durchaus möglich, daß die Bemühungen der Sowjets, die diplomatischen Beziehungen mit Jerusalem wiederherzustellen, nun beschleunigt werden. Die blutige Kommunistenhatz in Khartum und die Unterstützung Numeiris durch Ägypten und Libyen haben das sowjetische Verständnis für die Motive und Ziele der Araber in Frage gestellt und die Position der Sowjets in Nahost geschwächt.

Der Kreml verfolgt mit Unbehagen die Rolle, die der libysche Staatschef als panarabischer Führer spielt. Selbst gegenüber dem ägyptischen Präsidenten zeigt Moskau unverhohlene Skepsis. Es ist kein Zufall, daß arabische Studenten bei ihren Demonstrationen vor der sudanesischen Botschaft in Moskau auch Slogans gegen Sadat skandierten. Kein Zweifel, die Sowjets hegen inzwischen große Zweifel, ob sie Sadat noch als wirklichen Freund betrachten können. Allerdings bekräftigte erst letzte Woche eine ägyptische Parteidelegation in Moskau, daß sie jeden Antikommunismus verdamme. Und sicherlich ist der sowjetische Einfluß in Kairo noch immer groß genug, um Sadat von einem offenen Eintreten für Numeiri abzuhalten.

Unverblümt wird in der sowjetischen Presse der blutige Terror im Sudan verurteilt. Diese scharfe Kritik ist ein neues Phänomen in den sowjetischarabischen Beziehungen seit 1967. Sowohl die Prawda als auch die Iswestija haben die Beteuerungen Numeiris zurückgewiesen, seine Aktionen hätten keine Auswirkungen auf die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. (Inzwischen allerdings hat der Sudan seine Botschafter aus Moskau und Sofia zurückgerufen, nicht zuletzt begründet mit dem Hinweis auf die Hetzkampagne in der sowjetischen Presse.) Moskau scheint zu befürchten, daß die Welle des Antikommunismus, wie sie sich jetzt im Sudan ausbreitet, in Kürze auch auf andere arabische Länder überschwappen könnte. Am Ende könnte dies dazu führen, daß die westlichen Länder, insbesondere die USA, im arabischen Raum an Einfluß gewinnen und die Sowjets erheblich an Prestige einbüßen.

Diese Befürchtungen werden die Sowjets sicherlich auch dazu bewegen, einige arabische Führer härter an die Zügel zu nehmen, um damit deutlich zu machen, daß Moskau seine Position im Nahen Osten halten will. Zum anderen könnte die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Israel die Grenzen der sowjetischen Bereitschaft zeigen, sich im Nahen Osten zu engagieren – auch dies wäre eine unmißverständliche Warnung an die Araber.

Auch wenn der Kreml seine Rolle als Anwalt der arabischen Sache nicht aufgeben will, die Wärme und Herzlichkeit, die noch zu Nassers Lebzeiten die arabisch-sowjetischen Beziehungen auszeichneten, sind verflogen.