Die BBC und die Proms – Opernleben in Glyndebourne

Von Christopher Driver

„August for the People“ – der Titel des jüngsten satirischen Bühnenstückes von Nigel Dennis – ist ein Slogan, dem sich der Londoner Sommer immer mehr anpaßt. Wirklich, die wenigsten Leute, die sich zu dieser Jahreszeit in London aufhalten, sind Engländer, und die polyglotten Massen junger Touristen, die nicht wissen, wo sie sind und was sie eigentlich machen sollen und wo sie die nächste Nacht verbringen werden, verlangsamen das gesamte Tempo der Stadt, als hätte man einen Topf Kleister dazwischengerührt.

Und ist auch die Kunst für das Volk? Freilich, es gab zeitweilig Straßentheater, von Einheimischen für Einheimische inszeniert, und auch unsere großen Kunstgalerien kann man bisher noch kostenlos besuchen. Aber so einfach ist die Frage nicht. Was ist überhaupt Volkskunst? Ist es erhabene Kunst, die möglichst vielen Menschen zu möglichst „populären“ Preisen geboten und auseinandergesetzt wird? Oder ist es Kunst, die sich an der Alltagserfahrung des Menschen entzündet, so, wie der Funke durch den Nagelschuh auf dem Asphalt entsteht?

Dies sind alte brechtsche Fragen, die sich in zwei Menschen personifizierten, die beide im letzten Monat gestorben sind: John Reith und Louis Armstrong. Reith, ein tiefsinniger, schottischer Calvinist mit buschigen Augenbrauen, hat die Britische Rundfunkgesellschaft gegründet und geprägt. Heute ist die BBC, die er von 1923 bis 1938 leitete, so riesig und weitverzweigt, daß sich der Einfluß dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit nicht mehr erkennen läßt; zwei Charakteristika aber aus Reith-Tagen gelten auch heute noch für die BBC und ihre Einstellung zur Kunst. Das eine ist die über die bloße Möglichkeit hinausgehende öffentliche Pflicht einer Rundfunk-Gesellschaft, die großen Meisterwerke der Musik in bestmöglichen Aufführungen vorzustellen und die Öffentlichkeit so lange zu schulen, bis ein entsprechendes Publikum herangewachsen ist. Das zweite ist Unbehagen über Kunst- und Lebensformen der Masse, insbesondere der Jugend. Die Geisteshaltung, mit der italienische Jugendliche Langspielplatten kaufen, die den Lärm der Studentendemonstrationen wiedergeben, hätte Reith nicht verstanden.

Louis Armstrong, dessen Trompete sein Volk von täglichem Elend und kultureller Hoffnungsosigkeit befreite und die Gemüter der rebellischen Jugend in der gesamten Welt bewegte, hätte es verstanden. Ein bekannter anglo-amerikanischer Journalist erinnert sich daran, wie er im Sommer 1931 seine eigene Mutter in Lancashire zu Tränen rührte, als er zum erstenmal die Platte „St. James Street Infirmary“ spielte – Tränen des Entsetzens, daß ihr Kind einen so abscheulichen Lärm für Musik halten könnte. Diese Reaktion läuft in etwa parallel mit der Tatsache, daß Lord Reith zur gleichen Zeit den Rundfunksprechern der BBC vorschrieb, beim Verlesen der Nachrichten einen Smoking zu tragen, obwohl ihre Hörer sie gar nicht sehen konnten.

Die BBC, von uns allen durch Rundfunk- und Fernsehgebühren unterstützt, ist gleichzeitig der wichtigste Privat-Protektor der Live-Sendungen. An den jährlichen Promenadenkonzerten (Proms) im Sommer in der Albert Hall in London, die im Rundfunk übertragen werden und im Musikleben einen wichtigen Platz einnehmen, haben sich zum Beispiel jetzt dreizehn verschiedene Orchester beteiligt. Außerdem die Opernhäuser Covent Garden (zusätzlich subventioniert durch staatliche Gelder der Arts Council) und Glyndebourne (nicht subventioniert). Die mutige Programmgestaltung steht in geradezu verblüffendem Kontrast zu der Rückschrittlichkeit der BBC auf naheliegenderem Sektor: als Pop-Sender für Teenager. Nichts ist so wenig Pop wie BBC. Ihre Mikrophone standen nicht im Lagerschuppen von Liverpool, wo die Beatles damals ihre große Karriere starteten, und nur wenige Leute innerhalb der Organisation können dem Kommerz und dem modebetonten Bewußtsein der heutigen Pop-Musik-Welt irgendwelche spontanen Sympathien entgegenbringen.