Von Marcel Reich-Ranicki

Heinrich Böll, der längst arrivierte Einzelgänger und der allseits sanktionierte Rebell, der repräsentative Außenseiter der bundesrepublikanischen Gesellschaft und ihr in Bonn und Ostberlin, in Rom und Moskau akkreditierter Ankläger, hat das einzigartige Kunststück vollbracht, ein Praeceptor Germaniae zu werden und ein rheinischer Schelm zu bleiben.

Autorität und Leichtsinn – das reimt sich natürlich nicht. Doch heutzutage, scheint es, sind Prediger nur noch erträglich, wenn sie sich zugleich als Spaßmacher bewähren. Damit hängt wohl Bölls Erfolg zusammen und auch sein internationaler Ruhm. Denn er hat der Welt zu bieten, was sie nach wie vor, bewußt oder unbewußt, von einem deutschen Schriftsteller erwartet und verlangt: Moral und Schuldbewußtsein. Indes, verweigert er ihr, was man gemeinhin für deutsch hält: das Gründliche und das Feierliche. Und gerade das, was die Welt bei den Nachkommen jener, die im Teutoburger Wald leider gesiegt haben, am wenigsten vermutet, findet sie bei Böll: Charme und Humor, eine nicht zu unterschätzende Portion Schalkhaftigkeit und auch rührende Schwäche.

Er ist ein Prediger mit clownesken Zügen, ein Narr mit priesterlicher Würde. Aber er ist kein Komödiant. Er macht den Leuten nichts vor. Ungleich klüger als alle seine Helden, ist er ebenso unsicher wie sie und ebenso ratlos. Er denkt nicht daran, seine Ohnmacht zu tarnen oder zu verbergen, und er hat andererseits nichts mit jenen deutschen Schriftstellern gemein, die sie zu Markte tragen und als letzten Trumpf auszuspielen versuchen.

In der authentischen Hilflosigkeit, in seiner Schwäche steckt paradoxerweise Bölls Stärke: Sein Ruhm kann nichts daran ändern, daß er einem – und das ist ganz ohne Herablassung gemeint – immer auch etwas leid tut. Dieses mit lauem Wohlwollen nicht zu verwechselnde Mitgefühl, das er nie provozieren wollte und das gleichwohl viele seiner Leser kennen (während es jenen der Bücher von Dürrenmatt oder Grass oder Uwe Johnson fremd sein dürfte), trägt ebenfalls zu seinem Erfolg bei. Es gibt Schriftsteller unserer Zeit, die wohl mehr geschätzt und mehr bewundert werden als er. Aber Böll, glaube ich, wird geliebt – und vielleicht können wir nur lieben, wo wir auch etwas Mitleid empfinden.

Sein neues Buch –

Heinrich Böll: „Gruppenbild mit Dame“, Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 400 S., 25,– DM