Während die Weltraumfahrt Publikumserfolge erzielt, vollzieht sich eher im stillen die Erforschung eines Gebietes, das neunmal so groß ist wie die Oberfläche des Mondes: die irdischen Ozeane. Doch, so meinte die amerikanische Zeitschrift Science News, „wenn nicht alles täuscht, wird die Meeresforschung für die Menschheit schnellere, gründlichere und mehr in unser Leben eingreifende Ergebnisse zeitigen als die Raumfahrt“.

In der Bundesrepublik gab dieses „Forschungsprojekt, das weit in die Zukunft weist“ (Bundeswissenschaftsminister Hans Leussink), in jüngster Zeit Grund zu heftigem Streit zwischen Regierung, Wissenschaftlern und Industrie. Die Bundesmittel für Meeresforschung und Meerestechnik, so erfuhr die Arbeitsgemeinschaft Meerestechnik (August Thyssen-Hütte, Demag, Messerschmitt-Bölkow-Blohm, Preußag) Anfang Juli, sollten im Rahmen der Schillerschen Etatsperren um 40 Prozent gekürzt werden. Erfolgversprechende Projekte drohten zu scheitern.

Die Meeresforschung war in Deutschland bereits vorher ein Stiefkind. Während Amerikaner und Sowjets schon in den sechziger Jahren umgerechnet etwa zwei Milliarden Mark jährlich für die Ozeanographie ausgaben und die Gelder seither beträchtlich erhöhten und Briten und Franzosen sich diese Forschungsarbeiten jährlich etwa 100 Millionen Mark kosten lassen, mußte, man in der Bundesrepublik im Zeitraum 1959 bis 1969 – bereitgestellt allein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft – mit insgesamt rund 35 Millionen Mark auskommen.

Binnen vier Jahren, so wollte es 1969 das Bundeswissenschaftsministerium, sollte das Versäumte nachgeholt werden. Gemäß einer gemeinsamen „Finanzplanung 1969 bis 1973“ sollten der Bund insgesamt 350 Millionen, die Küstenländer Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein zusammen mehr als 40 Millionen und die Deutsche Forschungsgemeinschaft erneut 35 Millionen Mark zur Verfügung stellen.

Vorrangig gefördert werden sollen nach dem Wunsch des Wissenschaftsministeriums

  • Möglichkeiten, die mineralischen Rohstoffe im Meer und unter dem Meeresboden zu nutzen,
  • die bessere Nutzung der Nahrungsquellen des Meeres, um dem weltweit bevorstehenden Eiweißmangel zu begegnen, und Gewinnung von Trinkwasser,
  • die Entwicklung von Arzneimitteln aus Seetang und Algen und
  • die Verhütung und Bekämpfung der Meerwasserverschmutzung.

Die Erfolge zur Halbzeit können sich sehen lassen. Die Dräger-Werke in Lübeck bauten das Unterwasser-Laboratorium „Helgoland“. Unter der Leitung von Professor Otto Kinne von der Biologischen Anstalt Helgoland erforschten darin vier Wissenschaftler 1969 drei Kilometer vor der Nordsee-Felseninsel in 23 Metern Tiefe Temperatur, Strömung, Licht und Wassertrübung der Nordsee, die Meeresfauna und das Verhalten der Meerestierwelt. Dabei ging es vordringlich um die Frage, wie Fische, Krebse und Muscheln in Unterwasseranlagen gezüchtet und gemästet werden können. Im August dieses Jahres soll die „Helgoland“ nach zwei Jahren technischer Verbesserung vorübergehend auf dem Grund der Ostsee forschen.