Erstmals in diesem Jahr veröffentlichen wir Gewinnschätzungen für 1971. Sie zeigen, daß bei einem großen Teil der Unternehmen die Erträge in diesem Jahr noch einmal kräftig schrumpfen werden. In Einzelfällen bis zu 30 Prozent. Das trifft besonders für die Gesellschaften der Großchemie zu. Noch immer ist nicht zu erkennen, ob ihre Gewinne schon auf der Talsohle angelangt sind. Die jetzt sechsprozentige Aufwertung hat die Gewinnkurve erneut nach unten gedrückt. Dennoch haben die Großchemie-Aktien von der insgesamt freundlichen Börsentendenz des vergangenen Monats profitiert. Man ist in Anlegerkreisen zuversichtlich, daß die eingeleiteten Rationalisierungsmaßnahmen schon 1972 eine spürbare Kostenentlastung bringen werden. 40 Prozent der Chemie-Firmen haben beschlossen, 1971 ihre inländischen Investitionen einzuschränken. Unrentabel gewordene Anlagen werden stillgelegt.

Kräftige Gewinnabstriche sind auch bei den Stahlaktien gemacht worden, allerdings in einem sehr unterschiedlichen Ausmaß. Die Stahlwerke haben Beschäftigungssorgen; hinzu kommt die bevorstehende Lohnrunde, von der man noch nicht weiß, wie sie ausgehen wird. Und im Hintergrund steht die kritische Situation der Ruhrkohle AG, deren Schicksal völlig in der Luft hängt. Kommt es dort zum Schlimmsten, gibt es bei den Aktionären, also bei den Stahlgesellschaften, Abschreibungsverluste. Nicht alle Gesellschaften haben für diesen Fall schon ausreichende Rückstellungen gemacht.

Recht optimistisch liegen die Schätzungen bei AEG und Siemens. Hier halten sich die Abstriche in engen Grenzen. Beide Unternehmen haben sich rechtzeitig auf die veränderte Konjunktursituation eingestellt. Kein Wunder, wenn hier in den letzten vier Wochen umfangreiche Anlagekäufe zu beobachten waren.

Eine beträchtliche Unsicherheit besteht in der Bewertung der Autoaktien. Die Steuerpläne des Fiskus sowie die höheren Versicherungsprämien, resultierend aus dem gewachsenen Schadenanfall, werden vermutlich nicht ohne Einfluß auf den Kfz-Absatz bleiben können. Überdies belastet die neue Mark-Aufwertung die Erträge der Autohersteller. Nur die Daimler-Aktien haben im vergangenen Monat etwas von der freundlicheren Börsentendenz profitiert. Bei Audi-NSU gab es lediglich unerhebliche Schwankungen. Dieses Papier zählt an der Börse zu den „Prozeßaktien“, deren Kurs nicht durch wirtschaftliche Erwägungen, sondern vom Ausgang schwebender Rechtsstreitigkeiten bestimmt wird.

Überraschend günstig werden die Gewinnaussichten der deutschen Maschinenbauindustrie beurteilt. Bei Linde erwartet man sogar eine Ertragssteigerung. Ist deshalb der Kurs der Aktie im Juli um etwa zehn Prozent heraufgesetzt worden oder waren Abrundungskämpfe der Allianz der Anlaß? Als ertragsstabil werden auch Demag und MAN angesehen. K. W.