New Yorks Touristen- und Theaterzentrum liegt in süßer Sünde. Zentral-Manhattan hat sich zum babylonischen Tempel entwickelt. Schwärme von heiß-behosten Mädchen streben zielsicher in das am meisten Profit versprechende Viertel: zum Times Square und Broadway. Allein in den letzten zehn Jahren hat sich dort die Quote der aufgegriffenen Prostituierten laut Polizeistatistik von vierundzwanzig auf vierundsiebzig Prozent erhöht; gleichzeitig ist das Durchschnittsalter dieser Mädchen von dreiundzwanzig auf zwanzig bis achtzehn Jahre heruntergegangen.

Das ist eine Entwicklung, die nicht ganz zufällig mit der amerikanischen Drop-out-Gesellschaft eng im Zusammenhang steht: denn ein ständig wachsender Teil der jährlich 600 000 Elternhausflüchtigen sieht seine jüngste Chance, schnell und gut Geld zu machen, im ältesten Gewerbe.

Bis zu dreihundert Dollar täglich, so flüstert es im amerikanischen Blätterwald, verdienen einige unter ihnen, und seit die Justiz, völlig hilflos gegenüber überfüllten Gerichtssälen, Prostitutionsdelikte nur noch als geringe Vergehen mit einem Strafgeld von zehn bis fünfzehn Dollar belegt (Berufserfahrene zwanzig bis hundert Dollar), gehen viele Gunstgewerblerinnen selbstbewußt im „Alleingang“ auf den Strich, verzichten sie auf den „Schutzpatron“.

Und wehe, wenn sie losgelassen ... Wer ihre Liebe nicht will, muß ihren Haß bezahlen. Doch als Anfang dieses Jahres ein Unbekannter vor dem Hilton Hotel New York von Zuhältern ermordet wurde, weil er auf ihre Vorschläge nicht eingegangen war; als ein ehemaliges deutsches Kabinettsmitglied von einer Crew Strichmädchen ausgeraubt wurde; als Touristen, Geschäftsreisende und Ansässige sich über verbale und körperliche Belästigungen beschwerten und einige Straßen von Zentral-Manhattan zum „geilsten und heruntergekommensten Flecken der Nation“ wurden, da holte Richter Schwalb vom Strafgericht Manhattan zum ersten Gegenschlag aus: Er ließ zwei aufgegriffene Hurentöchter ohne Pardon in vorläufige Haft bringen und drohte jeder, die das Metier weiterhin ausübte, mit dem gleichen Schicksal.

„Diese Krankheit greift um sich, wir sind von einer Seuche befallen“, klagte er. Und Bürgermeister John Lindsay übernahm das weitere Kommando und verkündete: „Das Gebiet um den Stadtkern ist ein Zentrum des internationalen Tourismus und des Geschäftslebens und sollte Geist und Würde der ganzen Stadt widerspiegeln. Wir werden mit allen Mitteln versuchen, die schlechten Einflüsse, die seinen Charakter durchsetzt haben, auszuschalten.“

Die leichten Mädchen allerdings, informiert und gewarnt durch die Zeitungen, hatten sich mittlerweile nach Los Angeles, San Francisco und Atlanta abgesetzt, als sich der Polizeiapparat in Bewegung setzte. So endete die Jagd mit dem spektakulärsten Ereignis in fünfzehnjähriger Prostitutionsgeschichte: Die Anklagebank im Gerichtssaal von Manhattan blieb leer.

Zwei Tage lang wartete der Richter vergebens auf die gewohnten fünfundsiebzig bis achtzig Prostituierten, die hier täglich ihren Zins zahlen mußten; und Times Square war die puritanischste Straße der Nation. Nur – während die Zeitungen solchem Sieg Schlagzeilen setzten, hat Manhattan angefangen, munter weiterzuleben. Die heiß-behosten Schwärme sind wieder da.

Christiane Günter