Von Friedrich Abel

Abgesehen von den Geschlechtsorganen, den sekundären Geschlechtsmerkmalen und den Eigenheiten des Orgasmus gibt es keine wirklichen Unterschiede zwischen Mann und Frau, erklärt eine der radikalsten amerikanischen Frauenrechtskämpferinnen, Kate Millett, in ihrem Buch „Sexual Politics“. Die stärker ausgebildete Muskulatur des Mannes mag zwar teilweise biologischen Ursprungs sein, fährt sie fort, jedoch sei Muskelkraft wohl kein Argument, um die Überlegenheit des Mannes über die Frau zu beweisen. Und was die angeblich angeborenen männlichen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten betrifft – etwa Furchtlosigkeit, Aggressivität oder Führungspotential –, so seien dies allesamt dem Manne von der Gesellschaft aufgezwungene Rollen; mit Vergnügen würden diese vom Manne gespielt, meint Milieu weiter, ermöglichen sie ihm doch die Vorherrschaft in den Bereichen des Sex, der Familie und des Berufes.

Sehr ungelegen muß es Kate Millett und ihren Mitstreiterinnen kommen, daß Wissenschaftler gerade in letzter Zeit eine große Zahl überzeugender Beweise zusammengetragen haben, die dem zweifellos berechtigten Kampf gegen eine zu einseitig männlich orientierte Gesellschaft einige zündende Argumente entziehen. Forschungsarbeiten aus verschiedenen Fachbereichen kommen nämlich übereinstimmend zu dem Ergebnis, daß es im Gefühls- und Geistesleben des Menschen genetisch festgelegte, angeborene Unterschiede zwischen den Geschlechtern gibt.

Verhaltensunterschiede zeigen sich schon bald nach der Geburt eines Kindes. Männliche Babys sind aktiver und ruheloser als weibliche; sie geraten leichter in Wut, schreien mehr, schlafen weniger und fordern mehr Aufmerksamkeit von der Mutter. Untersuchungen von Professor Harry Harlow von der amerikanischen Wisconsin-Universität ergaben, daß weibliche Babys zwar empfindlicher gegenüber Kälte, Berührung und Geräuschen, sonst aber passiver und genügsamer sind als ihre männlichen Gegenstücke.

Das oft wiederkehrende Argument der Frauenrechtlerinnen, Mädchen spielten nur deshalb mit Puppen, weil die Eltern sie dazu ermunterten, wird von Harlow zurückgewiesen. Wie sie mit drei Monaten lieber Gesichter als Figuren betrachten, spielen Mädchen später – so Harlow – lieber mit Puppen und finden größere Befriedigung im Umgang mit anderen Menschen als mit Gegenständen; dabei sind sie auch viel gefügiger und stärker darauf bedacht, sich anzupassen und zu gefallen. Mädchen lernen auch früher und fließender zu sprechen als Knaben – eine Überlegenheit, die meist das ganze Leben lang anhält.

Knaben dagegen sind auch später mehr an „Dingen“ interessiert, sie sind aggressiver und scheinen unbefriedigt, sie verursachen „Katastrophen“ mit Bauklötzen und Spielzeugautos. Wie psychologische Experimente zeigen, ist ihr innerer Antrieb und Durchhaltevermögen größer als das von Mädchen: Konkurrenz spornt sie ebenso an wie scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten – Umstände, die Mädchen eher; entmutigen. Psychologische Tests bestimmter geistiger Fähigkeiten zeigen in mancher Hinsicht signifikante Unterschiede zwischen den Geschlechtern. So scheinen nur ganz wenige Mädchen das durchschnittliche Talent von Knaben zu besitzen, sogenannte Irrgartenrätsel („Auf welchem Weg findet die Maus den Speck?“) zu lösen oder ganz bestimmte geometrische Formen oder räumliche Körper in einem Farbengewirr zu erkennen. Dagegen schlagen Mädchen ihre männlichen Konkurrenten im allgemeinen bei Aufgaben, bei denen es trotz scheinbarer Monotonie um Genauigkeit und rasches Reaktionsvermögen geht, wie etwa beim möglichst raschen und richtigen Benennen einer Abfolge willkürlich aneinandergereihter, verschiedenfarbiger Quadrate.

Diese Beobachtungen von Psychologen an Kindern und Jugendlichen sind natürlich nicht geeignet, die Meinung von Kritikern völlig zu entkräften, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien vielleicht doch gesellschaftlich geprägt – den Kindern von den Eltern bewußt oder unbewußt aufgezwungen, weil sie von ihnen ein ganz bestimmtes Rollenverhalten erwarten oder ihnen dieses „vorspielen“. Abgesehen davon, daß geschlechtsspezifische Verhaltensformen in Kleinkindern schon in einem Alter auftreten, in dem sie noch kaum ihre Umwelt imitieren können, sind in den letzten Jahren aber auch Anthropologen, Verhaltensforscher, Neurologen und andere Fachleute auf Tatsachen gestoßen, die die Hypothese vom ausschließlich erlernten Rollenverhalten nicht mehr aufrechterhalten lassen.