Sie leiden wie sonst nirgends im Film. Männer und Frauen, Kinder und Erwachsene, Weiße und Schwarze, Deutsche und Amerikaner, Franzosen und Mexikaner. Das Melodram ist international.

Sie leiden an Krankheiten und Kriegen, an Mißverständnissen und Komplexen, an Armut und Reichtum, an Liebe und Haß, an Unfällen und sozialen Zwängen. Das Melodram kennt keine Grenzen.

Es gibt naturalistische und synthetische Melodramen, plagiierende und erfinderische, reaktionäre und kritische, sanfte und grausame, ernste und verspielte, subtile und grobe. Die Melodramen sind so vielfältig, daß sich das Genre kaum in einer einfachen Formel fassen läßt.

Obwohl das Melodram seit den Tagen des großen David Wark Griffith zu den verbreitetsten Filmgattungen zählt, hat sich bis heute keine einheitliche Vorstellung von diesem Genre gebildet. Melodram, das war etwas für die breite Masse, für Hausfrauen, die im Kino gern schluchzen, nichts für einen seriösen Kritiker.

Nur Filme, deren Qualität nicht zu übersehen war, wurden aus dem Genre herausgepickt, ohne dieses allerdings zu benennen, Filme von Griffith, Stroheim, Sternberg und Filme wie „Der Tod in Venedig“ von Luchino Visconti. Doch nach der Rehabilitation des Western, des Gangsterfilms, des Musicals, des Horror- und des Science-fiction-Films scheint nun die Zeit für die Ehrenrettung des Melodrams gekommen. Rainer Werner Fassbinder hat mit seiner Begeisterung über Douglas Sirk den Zug der Zeit erkannt.

Zu klären, was ein Melodram ist, hatte sich der elfte unabhängige Kongreß des internationalen Films vorgenommen, der in diesem Jahr in Toulouse von der dortigen Cinematheque organisiert wurde. Doch statt Klärung brachte der Kongreß Mißverständnisse. Offensichtlich hatten die Veranstalter Schwierigkeiten mit ihrem Thema. Fast ein Drittel der fünfzig gezeigten Filme waren keine Melodramen.

Das Melodram sieht die Welt unter einem bestimmten Blickwinkel – dem des Leidens. Der Unterschied zwischen Drama und Melodrama ist wie der Unterschied zwischen altem und neuem Testament, wie der zwischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ und „So dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar“. Das Melodram hat einen extrem masochistischen Grundzug, und die Leidensgeschichte Christi eignet sich dazu immer noch am besten.